Boxen : Liebe, Friede, Blumenkinder

400 000 Zuschauer erwartet das polnische Woodstock ab Freitag in der Grenzstadt Kostrzyn

Olaf S,ermeyer

Kostrzyn - Die langen Haare von Rafael Konert sind seit acht Tagen nur vom Regen nass geworden. Der Student aus dem schlesischen Nowa Ruda war der erste Bewohner im „Dorf der Trommler“, einer Gruppe von Zelten unter einer Fahne mit Friedenszeichen. Geduldig wartet hier ein Dutzend Barfüßiger auf den ersten Akkord des zweitägigen Rockfestivals „Przystanek Woodstock“, auf Deutsch: Haltestelle Woodstock.

Am morgigen Freitag geht es am Nachmittag los, doch schon jetzt ist das Treiben der Wartenden überall auf dem 200 Hektar großen Gelände hinter dem polnischen Grenzort Kostrzyn zu hören. Bongos, Congas, dazwischen ein Tamburin. Es gibt viel Bier aus Dosen, „und Rock ’n’ Roll – dafür sind wir hier“, sagt Konert. Für Veranstalter Jerzy Owsiak ist das polnische Woodstock „das größte Festival Europas“. Im vergangenen Jahr seien mehr als 300 000 Besucher gekommen. Das Festival wie auch die Zeltplätze sind kostenlos. Über 25 Bands aus Polen, Tschechien und Deutschland reisen an, spielen ohne Gage Rock, Punk und Reggae. Top-Bands wie die Rolling Stones oder U2 darf man nicht erwarten: Die Namen der Bands sind eher unbekannt, trotzdem erwarten die Veranstalter 400 000 vor allem jugendliche Fans. Vor zehn Jahren startete das Festival als Dankeschön für die Helfer von Benefizkonzerten für krebskranke Kinder. Heute ist Woodstock eine Stiftung, die ihren wohltätigen Zweck im Spaß der Massen sieht.

„Ich finde geil, dass es so etwas kostenlos gibt“, sagt Friedrich Finkenwirth. Der Abiturient wohnt gleich hinter der Grenze – in Bleyen (Märkisch Oderland). Finkenwirth wäre mit seiner Gitarre selbst gerne über die Bühne gerockt, doch Woodstock hatte in diesem Jahr über 700 Band-Bewerbungen. Finkenwirths „Feedbecks“ haben es nicht geschafft, „aber wir kommen trotzdem alle zu Woodstock.“ Jugendliche aus Frankfurt (Oder), Beeskow und Müllrose, „alle wissen Bescheid“.

Das hatten die Veranstalter gehofft, als sie sich erstmalig für die deutsch-polnische Grenze entschieden – 80 Kilometer östlich von Berlin. Und von Lichtenberg aus fährt stündlich ein Zug zur Haltestelle Kostrzyn. Fahrtzeit: eine Stunde und 21 Minuten. Dann noch eine halbe Stunde zu Fuß bis zum Festivalgelände. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz entsteht derzeit eine kleine Stadt, samt Kino und Post (siehe Kasten). „Schließlich kommen die Leute von überall her, und wollen auch mal eine Karte nach Hause schicken“, sagt Marta Siek von der Friedenspatrouille. Auch das Hare-Krishna-Friedensdorf auf einer kleinen Anhöhe steht bereits.

Friedenspatrouille – so nennt sich eine 1000 Leute starke Truppe, die während des Festivals im roten T-Shirt darauf achtet, dass niemand ein Feuer macht oder Glasflaschen mit aufs Gelände bringt. Zusätzlich kümmern sich Frankfurter Sanitäter um die Besucher. Auf ein Großaufgebot von Polizei und Grenzschutz wollen die Veranstalter verzichten, aber die Sicherheitskräfte sind beiderseits der Grenze informiert.

Für seinen Ausflug nach Woodstock braucht Friedrich Finkenwirth nicht viel: Personalausweis, Schlafsack und ein Zelt hat er dabei. Aber sein Dosenbier will er erst in Polen kaufen – „weil dort nämlich kein Pfand drauf ist“.

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