Boxen : Nach dem Sommer – die Pleiten

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ClausDieter Steyer erklärt, warum trotz des guten Wetters viele Hotels vor dem Aus stehen

ANGEMARKT

Eine erschreckende Nachricht nach dem Jahrhundertsommer: Fast jedes zweite Brandenburger Hotel – oft erst vor einigen Jahren eröffnet – steht vor der Pleite. In vielen Fällen verzögern nur Stundungen von Bankkrediten das Ende der darbenden Herberge. Der Gast spürt die drohende Schließung an untrüglichen Zeichen: Der Chef versucht sich selbst in der Küche, Aushilfen ersetzen geschultes Personal und für Werbung gibt es kein Geld mehr. Betroffen von der Insolvenzgefahr sind alle Kategorien – vom kleinen Landhotel bis zur großen Hafenanlage, neudeutsch „Marina“ genannt.

Die Ursachen für diese Misere liegen nicht allein in der schwierigen wirtschaftlichen Lage in Deutschland, wo viele sich den Zweit- oder Dritturlaub nicht mehr leisten können. Wie das jetzt vorgestellte „Brandenburger Tourismusbarometer“ eines Münchener Instituts feststellte, gibt es vor allem viel zu viele Betten: Bis weit in die neunziger Jahre hinein wurden Hotels und Gaststätten eröffnet wie nichts Gutes. Geld spielte keine entscheidende Rolle: Rund 30 Prozent und in einigen Fällen sogar bis 90 Prozent der Gesamtkosten stammten aus großzügigen öffentlichen Förderprogrammen.

Der Regierungschef und seine Minister eilten von einer Eröffnung zur nächsten und feierten den Tourismus als Ersatz für die weggebrochene Industrie und die Landwirtschaft. Tatsächlich stellte sich schnell der Erfolg ein. Viele Brandenburger Regionen, die vorher auf keiner Tourismuskarte aufgetaucht waren, priesen sich als Urlaubsparadiese an. Teure Thermal- und Spaßbäder sowie Rad- und Reitwege folgten. Jährlich stiegen die Übernachtungszahlen.

Doch damit ist jetzt Schluss. Rückgang ist angesagt, wie die Bilanz des ersten Halbjahres zeigte. Die Reisen aus Neugier scheinen vorbei zu sein. In Brandenburg übernachteten von Januar bis Juni drei Prozent weniger Touristen als im Vorjahreszeitraum. Doch bei den Hotels war durchschnittlich nur jedes vierte Bett belegt; bei privaten Gästezimmern war es immerhin jedes dritte. Selbst im wunderschönen Juni kamen nicht mehr Gäste nach Brandenburg als 2002: Hotels und Pensionen waren zu 42 Prozent ausgelastet – doch richtig Geld wird erst bei mehr als 50 Prozent verdient. Als Einzige konnten die Campingplätze steigende Übernachtungszahlen verzeichnen; doch dort entstehen kaum Arbeitsplätze.

Handwerkliche Fehler verschärfen die Lage. Zuerst wird in vielen Hotels oft an der Werbung gespart. Sie verlassen sich allein auf die – recht gute – Arbeit der Tourismus Marketing Gesellschaft. Die aber soll das ganze Land verkaufen. Andererseits verschwinden bekannte und zugkräftige Begriffe wie Märkische Schweiz, Schorfheide oder Chorin aus den Namen der Tourismusverbände, die sich statt dessen mit solchen Wortungetümen wie „Märkisch-Oderland“ oder „Barnimer Land“ profilieren sollen. Auch die Masse kleiner und kleinster Kulturfeste verwirrt, wogegen für wirkliche Höhepunkte oft das nötige Geld fehlt.

Auch wenn die Zahlen für Juli und August besser aussehen mögen – für manche Hotels wird die Pleite unvermeidlich sein. Für die Übrigen gilt: Sie dürfen nicht an Werbung sparen. Und statt um jeden Gast einen Kleinkrieg zu führen, gilt es, die Kräfte zu bündeln. Als Urlaubsregion aufzutreten, die ein Gesamt-Angebot macht: an Hotels und Pensionen, Bädern und Badestränden, Boots- und Fahrradverleihen, kulturellen und landschaftlichen Sehenswürdigkeiten.

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