Boxen : Ölkrise in Schwedt

PCK-Raffinerie ordert Tanker, um die Versorgung Berlins sicherzustellen. Tiefensee beruhigt Verbraucher

Hannes Heine

Schwedt - Die PCK-Raffinerie in Schwedt stellt sich trotz der Berichte über eine mögliche Einigung im Streit zwischen Russland und Weißrussland auf eine längere Unterbrechung der Öllieferungen ein. „Es ist bereits eine ganze Flotte von Tankern unterwegs“, sagte der Geschäftsführer der Raffinerie, Klaus Niemann gestern. Bisher sei Schwedt vollständig aus Russland beliefert worden, doch es gibt auch eine Pipeline zum Ostseehafen Rostock. Dort werde nun alle drei Tage ein Tanker mit etwa 80 000 Tonnen Mineralölen erwartet, sagte Niemann. Die PCK-Raffinerie unterhält in der Hansestadt einen eigenen Anlegeplatz; das erste Schiff aus Dänemark belieferte den Hafen bereits gestern. Zwei weitere Schiffe sollen voraussichtlich am 15. und 20. Januar in Rostock anlegen, wie die Großtanklager Ölhafen Rostock GmbH mitteilte.

Jede Tankladung soll die Produktion für drei Tage sicherstellen, heißt es bei PCK – zusammen mit den 120 000 Tonnen Mineralöl, die in den riesigen Tanks auf dem zehn Quadratkilometer großen Betriebsgelände von PCK vorrätig sind.

Von „erheblichen logistischen Herausforderungen“, vor denen die Raffinerie stehe, sprach gestern auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Er war nach Schwedt gekommen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Nachdem Russland am vergangenen Montag die Lieferung von Erdöl durch die Pipeline „Druschba“ („Freundschaft“) unerwartet gestoppt hatte, musste die Produktion in Schwedt auf etwa 60 Prozent heruntergefahren werden. Zuvor verarbeitete die Raffinerie etwa 31 000 Tonnen am Tag – das sind rund zehn Millionen Tonnen Öl im Jahr, aus dem hier Benzin, Diesel und Heizöl hergestellt werden.

Von einem ernsthaften Notfall könne jedoch keine Rede sein, sagte ein PCK-Sprecher. Die Arbeitsplätze der 1400 Mitarbeiter seien nicht gefährdet. Die Vertragspartner der Raffinerie – vor allem auch im Großraum Berlin – könnten weiterhin beliefert werden. 95 Prozent aller Berliner Tankstellen werden aus Schwedt versorgt. „Es wird weder heute, noch morgen, noch in mehreren Monaten zu Engpässen kommen“, sagte Tiefensee, weder bei der Versorgung mit Treibstoff, noch in der Belieferung privater Haushalte oder der Industrie.

Wie Geschäftsführer Niemann sagte, müsse lediglich der Export vorerst einschränkt werden. Nach seinen Worten verkauft Schwedt seine Produkte auch auf dem freien Markt, wo keine langfristigen Verträge einzuhalten wären.

Über mögliche Schadensersatzforderungen an Russland oder Weißrussland wollte die Geschäftsführung gestern nichts sagen. Ebenso wenig wollte sie sich über die Kosten äußern, die der Lieferweg über Rostock verursacht und die Umstellung auf anderes Rohöl. Da jede Ölsorte anders ist, müssen nun zahlreiche chemische Prozesse in der Verarbeitung kurzfristig umgestellt werden – russisches Öl enthält beispielsweise vergleichsweise viel Schwefel.

Verkehrsminister Tiefensee sprach sich angesichts der Krise für die verstärkte Nutzung von Biokraftstoffen aus. „Wir wollen den Einsatz von Biokraftstoffen im Tank bis 2020 auf 12,5 Prozent steigern. Die Technologie mit Wasserstoff und Brennstoffzellen ist auf einem guten Weg und wird von Bundesregierung und Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren mit zusammen jeweils einer halben Milliarde Euro gefördert.“ Da der größte Teil des Öl-Verbrauchs auf den Verkehr entfalle, sei es außerdem wichtig, den Benzin- und Dieselverbrauch zu verringern.

Die Geschäftsführung der PCK-Raffinerie indes will ihre Abhängigkeit von russischem Öl jetzt verringern. Man arbeite schon an Verträgen mit Händlern, um auch auf dem Weltmarkt kaufen zu können, hieß es.

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