Boxen : PDS vor der Zerreißprobe: Genossin und Genosse liegen Kopf an Kopf

Michael Mara

In Brandenburgs PDS wächst die Spannung: Auf dem Parteitag in zwei Wochen wird ein neuer Parteichef gewählt - ein eindeutiger Favorit unter den beiden Bewerbern ist bisher nicht zu erkennen. "Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben", prophezeien viele PDS-Genossen. Für die Zukunft der Partei ist es von einiger Bedeutung, ob die seit zwei Jahren amtierende Parteichefin Anita Tack oder der Landtagsabgeordnete und Wirtschaftsexperte Ralf Christoffers durchs Ziel gehen wird.

Zwar wird offiziell nicht von Richtungswechsel gesprochen, doch steht der 44-jährige gelernte Schiffbauer Christoffers "für einen Aufbruch, eine Neuakzentuierung der Partei". Damit meint er, dass sich die märkische PDS viel stärker drängenden Zukunftsfragen stellen und sich selbst verändern muss, wenn sie eine Perspektive haben will. "So wie bisher kann es nicht weitergehen." Anderenfalls werde die Partei ihr bisheriges Wählerpotenzial von 22 bis 25 Prozent nicht halten können.

Tack spricht zwar auch von "Erneuerung", doch hat sie dies bisher weder inhaltlich noch konzeptionell untermauern können. Kritiker machen die als ehrgeizig und selbstherrlich geltende, in der Landtagsfraktion nicht sonderlich beliebte Parteichefin sogar für die "Stagnation und Erstarrung" in der Partei verantwortlich. "Wir müssen uns den Zukunftsfragen wirklich zuwenden, es nicht nur ankündigen", fordert zum Beispiel Vize-Landeschef Harald Petzold, der sich als einer der ersten aus der Deckung wagt. Petzold hält Tack vor, "lediglich Überschriften abzuspulen". Auch menschlich macht er Vorbehalte gegen Tack geltend: Sie polarisiere, versuche sich auf Kosten anderer zu profilieren, habe wiederholt Anstandsregeln verletzt.

Obwohl Tack Christoffers kürzlich öffentlich nahelegte, auf seine Kampfkandidatur zu verzichten, um eine Zerreißprobe für die Partei zu verhindern, hält dieser sich mit Kritik an der Vorsitzenden zurück: "Ich will keine Schlammschlacht, außerdem trage ich als Mitglied des Landesvorstandes selbst Mitverantwortung für Defizite." Ob die Basis seine Zurückhaltung honoriert, bleibt abzuwarten: Christoffers vertritt inhaltliche Positionen, die in der PDS unpopulär sind: So hält der Wirtschaftsexperte die Fusion mit Berlin ebenso für notwendig wie den Bau eines Großflughafens. "Es ist nicht leicht, sich in der PDS vorwärts zu bewegen, der Beharrungswille ist groß", urteilt Partei-Vize Petzold. Hinzu kommt, dass Tack versucht, in der Partei Stimmung gegen Christoffers zu machen: So spricht sie auf Parteiveranstaltungen von einer "Männer-Phalanx", wohl wissend, dass Fraktionschef Lothar Bisky und Fraktions-Geschäftsführer Heinz Vietze lieber Christoffers als Parteichef sähen, der die PDS wie sie letztlich regierungsfähig machen will. So gibt sich Christoffers denn auch verhalten optimistisch: Er habe in den vergangenen Wochen bei mehr als 40 PDS-Veranstaltungen den Eindruck gewonnen, dass seine Chancen weiter gestiegen seien, sagte Christoffers am Freitag. Für einen Profilwechsel der PDS sei es noch nicht zu spät; er sei aber dringend notwendig, betonte der 44-jährige Christoffers. Bei den nächsten Landtagswahlen 2004 könne die PDS noch mit einem Zuspruch von rund 22 Prozent rechnen. Bleibe der Aufbruch aber aus, sehe er die Zukunft der PDS gefährdet. Es komme darauf an, neue Wählerschichten zu gewinnen und traditionelle zu halten.

Eine Öffnung der Partei zur Gesellschaft hin müsse die veränderten Lebenswirklichkeiten traditioneller Wähler berücksichtigen, forderte Christoffers. In der Öffentlichkeit werde die Fähigkeit der PDS, zukunftsfähige und demokratische Lösungsansätze im Parteienwettbewerb zu unterbreiten, kritisch betrachtet. "Wir müssen klar sagen, was wir wollen, was wir verändern können, aber auch, was wir nicht ändern können."

Der PDS-Spitzenkandidat kündigte auch seinen verstärkten Einsatz für eine Fusion der Länder Berlin und Brandenburg an. Die Länderehe sei "vernünftig und notwendig". Allerdings wolle er nicht über Jahreszahlen, sondern über Handlungsfelder der Zusammenarbeit reden. Die Menschen müssten von den Vorteilen eines gemeinsamen Bundeslandes überzeugt werden. Derzeit entwickelten sich beide Länder aber immer weiter auseinander.

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