Potsdamer Überfall : Ermittlungspannen im Fall Ermyas M.?

Die Besucher im Saal 009 des Landgerichts Potsdam schüttelten verständnislos die Köpfe. Bei den Ermittlungen nach dem brutalen Überfall auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. ist offenbar einiges schief gelaufen.

Potsdam - Verteidiger Matthias Schöneburg spricht von "großen Pannen". Nach ersten Zeugenaussagen wurde der Tatort nicht von Spezialisten untersucht. Stattdessen sammelten Streifenbeamte Scherben in Papiertüten. Die Scherben gehören zu den wichtigsten Beweismitteln bei der Aufklärung des Falls. Denn daran sollen DNA-Spuren eines der Tatverdächtigen gefunden worden sein.

Es ist der zweite Prozesstag im Verfahren gegen Björn L. und Thomas M. Zum Prozessauftakt am Mittwoch hatten die beiden Angeklagten erneut jede Tatbeteiligung bestritten. Dem 29-jährigen L. aus Wilhelmshorst wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Er soll Ermyas M. am frühen Ostersonntagmorgen aus einer Drehung heraus mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Der 31 Jahre alte Thomas M. aus Potsdam steht wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht.

Ermyas M. hatte bei dem Übergriff schwerste Kopfverletzungen erlitten. Vor dem Angriff gegen 4 Uhr morgens hatte er mehrfach versucht, seine Frau anzurufen. Bei einem Anruf schaltete sich ihre Handy-Mailbox ein. Diese zeichnete einen Teil des sich gerade entwickelnden Streits zwischen Opfer und Tätern auf. Dabei fiel unter anderem das Wort "Scheiß-Nigger".

Rassistisch motivierter Überfall?

Aufgrund dieser Äußerungen und der Schwere der Verletzungen des dunkelhäutigen Opfers waren die Ermittler nach der Tat zunächst von einem rassistisch motivierten Mordversuch ausgegangen. Der Generalbundesanwalt zog die Ermittlungen an sich, der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Im Lauf der weiteren Ermittlungen ließ sich der Tatvorwurf jedoch nicht halten.

Zu Beginn des zweiten Prozesstages werden Ermyas M. und seine Frau Steffi als erste Zeugen vernommen. Dabei räumt das Opfer ein: "Im Großen und Ganzen kann ich mich an gar nichts erinnern." Steffi M. schildert, dass sie einen Teil des Geschehens am Tatort live am Telefon verfolgt habe. Ermyas habe sie angerufen, aber nicht gesprochen. Stattdessen hörte die Künstlerin nach eigenen Angaben Geräusche: Schritte, Autos, Stimmen. Dann habe ein Hund gebellt. Und es sei der Satz gefallen: "Komm, lass uns abhauen." Sie sei unruhig geworden und los gerannt. Als sie am Tatort ankam, waren schon Polizisten vor Ort.

Erst in der Rettungsstelle hörte Steffi M. dann ihre Mailbox ab. "Da schloss sich der Kreis", sagt die 32-Jährige. Während die Mailbox den Streit aufzeichnete, stand sie gerade unter der Dusche. Als Ermyas später noch mal anrief, ging sie selbst ans Telefon. Etwa zehn Minuten später fand sie ihren Mann schwer verletzt an einer Bushaltestelle in der Nähe ihrer Wohnung.

Widersprüche zur Aussage eines Taxifahrers

Am Tatort waren zunächst Beamte der Wasserschutzpolizei im Einsatz. Wenige Minuten später kamen Streifenpolizisten hinzu. Zwei von ihnen sind am Freitag die nächsten Zeugen: Eine 22-jährige Beamtin hat nach eigenen Angaben einen Taxifahrer vernommen. Dieser habe am Tatort ausgesagt, dass er gesehen habe, wie ein kräftiger Mann einen schwarzen Mann getreten habe. Er sei dennoch weitergefahren. Auf dem Rückweg habe er das Opfer am Boden liegen und zwei Männer flüchten sehen. Er habe angehalten und sei den Flüchtenden gefolgt. Da er jedoch viel Bargeld und Fahrgäste im Auto gehabt habe, sei er zu seinem Taxi zurückgekehrt und habe den Notruf gewählt.

Nach Angaben des Vorsitzenden Richters Michael Thies hat der Taxifahrer bei späteren Vernehmungen angegeben, dass ein schwarzer Mann versucht habe, einen anderen Mann zu treten. Davon geht auch die Staatsanwaltschaft aus. Demnach soll Ermyas versucht haben, Björn L. in das Gesäß zu treten. Daraufhin soll sich L. umgedreht und zugeschlagen haben.

Auf Fotos vom Tatort ist kaum etwas zu erkennen

Auf dem vom Taxifahrer beschriebenen Fluchtweg der Täter fanden ein Streifenpolizist und eine Beamter der Wasserschutzpolizei später eine Weinflasche. Auch diese wurde in eine Papiertüte gepackt, wie der Streifenpolizisten vor Gericht schildert. Fotos vom Fundort habe er nicht gemacht. Jedoch habe er den Tatort fotografiert. Doch die Bilder "kann man vergessen", sagt der Polizist. Er schäme sich fast dafür. Später fügt der Mann auf Nachfrage von Journalisten hinzu, dass entweder der Film oder die Kamera nicht in Ordnung gewesen seien. Auf den Fotos sei kaum etwas zu erkennen.

Der Beamte hatte nach eigenen Angaben die Kriminalpolizei angefordert. Er sei jedoch über Funk informiert worden, dass diese nicht anrücken werde. Deshalb habe er das mögliche Beweismaterial eingesammelt. Dabei habe er Scherben von mindestens zwei Bierflaschen gefunden.

Eine der Bierflaschen könnte Ermyas M. mit an den Tatort genommen haben. Nach Angaben seiner Frau wollte Ermyas nach einem gemeinsam verbrachten Abend noch einen Freund besuchen und hatte sich ein Bier für den Weg mitgenommen.

(Von Susann Fischer, ddp)

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