Boxen : "Preußens FrauenZimmer": Eine Dame geht nicht stiften

Julia Schürmann

Christa Schwede ist eine Stiftsdame. Wenn heute nicht heute, sondern früher wäre, dann hieße das, Christa Schwede wäre adlig, arm und unverheiratet. Der Titel der Stiftsdame stammt von Friedrich dem Großen, der 1741 das ehemalige Zisterzienserinnen-Kloster in Heiligengrabe in der Prignitz zum Damenstift erhob. Damals kamen sie - Stiftsdamen in den Klöstern sind das weltliche Pendant der Nonnen - eben aus verarmten Adelsfamilien und wurden hier versorgt. Heute ist es umgekehrt: "Jetzt müssen wir uns um das Stift kümmern", sagt die pensionierte Lehrerin Schwede.

Sie kennt das Klosterstift noch aus der Zeit, als sie in Wittstock auf das Gymnasium ging - bis sie Schwierigkeiten bekam, weil sie sich in der DDR zur "Jungen Gemeinde" bekannte, der Jugendbewegung der evangelischen Kirche. Die Familie zog ins Rheinland, Christa Schwede wurde dort Lehrerin für Deutsch und evangelische Religion. Der Kontakt zu ihrer Pfarrerin, die später Äbtissin in Heiligengrabe wurde, riss aber nie ab. Nach ihrer Pensionierung 1994 sah Schwede zufällig ein Fernseh-Interview mit ihr. Die Äbtissin war inzwischen ganz allein, ihre letzte Gefährtin - die letzte Stiftsdame -, war 1987 gestorben. Da entschied sich Christa Schwede. "Ich wollte mit meinem Lebensabend etwas Vernünftiges anfangen und nicht nur vor mich hin leben", sagt sie - und ging ins Kloster.

Ihre Freunde und Bekannten konnten nicht verstehen, was sie vom Rheinland nach Heiligengrabe zog. Hin und wieder fährt Schwede noch mit ihnen Ski, aber das Kloster Stift zum Heiligengrabe hält sie in Atem. Es gibt zwar immer wieder Anfragen von Frauen, die nach Heiligengrabe kommen möchten, "aber wir haben einfach keinen Platz". Und da ist auch noch etwas anderes: Seit dem Tod der letzten Äbtissin 1996 ist der Konvent - die Versammlung der evangelischen Geistlichen des Klosters - ohne Führung. Eine Nachfolgerin zu finden, die aus dem Stift wieder eine lebendige Gemeinschaft machen würde, ist nicht einfach. "Wir haben inzwischen eine Kandidatin und hoffen, sie im Laufe des Jahres wählen zu können", sagt Wilhelm Hüffmeier, Vorsitzender des Kuratoriums, des weltlichen Stiftvorstands, der die Geschäfte des Klosters führt. Bis dahin müssen Christa Schwede und ihre 80-jährige Weggefährtin sich selbst organisieren.

Das Klostergelände aus dem 13. Jahrhundert mit backsteingotischer Kapelle und Stiftskirche ist noch dazu kein einfaches Pflegekind. Seit dem Krieg ist die Kirche nicht renoviert worden, im Kreuzgang bröckelt es und die Schwalben nisten überall. Der Stiftsvorstand und die Evangelische Kirche bemühen um eine schrittweise Restaurierung. Bisher steht fest, dass es einen Jugenddenkmalhof geben wird, auf dem Jugendliche Restaurierungsberufe erlernen können, alles weitere ist noch in der Schwebe. Allein für die Sanierung müssten 34 Millionen Mark aufgebracht werden. Zwar geben Land, Bund und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz etwas dazu, aber es reicht einfach nicht.

Der Vorstand bemüht sich außerdem noch bei den Treuhandnachfolgern um die landwirtschaftlichen Flächen, die durch die Bodenreform verloren gegangen sind. Vorstandsmitglied Oberin Helga Heß sagt: "Wenn wir noch einen König hätten, dann würde ich ihm schreiben: Uns geht es dreckig, bitte unterstütze uns!" Der alte Fritz wird vielleicht tatsächlich noch etwas für sein Stift tun können: Zum 300-jährigen Jubiläum Preußens macht Heiligengrabe seit gestern mit einer Ausstellung über "Preußens FrauenZimmer" auf sich aufmerksam. Mehr als 15 000 Besucher sind es im Jahr, die sich vor allem für die Kapelle interessieren. Christa Schwede genießt diese Begegnungen mit den Menschen, die das Stift ausmachen. Als Stiftsdame wäre sie, anders als die Nonnen früher, jederzeit frei, die Gemeinschaft wieder zu verlassen. Aber eine echte Dame geht eben nicht einfach stiften.

Unter dem Motto "Preußens FrauenZimmer" zeigt das Kloster Stift zum Heiligengrabe im Norden Brandenburgs seit Sonnabend eine Ausstellung über das Leben der Frauen im 18. Jahrhundert. Auf einem Rundgang über das Gelände des 1287 gegründeten Zisterzienserinnenklosters werden an Hand von 25 Kurzbiografien die Lebensbedingungen und beruflichen Möglichkeiten von Frauen in Preußen geschildert. Mit der Eröffnung der Sonderausstellung wurde das nach historischen Vorlagen rekonstruierte ehemalige Stiftshauptmannhaus als Museum eingeweiht. Die Ausstellung "Preußens FrauenZimmer" ist bis 3. Oktober täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr sowie sonntags von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Eintritt: 7 Mark. Info-Telefon: 033962 / 80825.

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