Boxen : Studieren statt speisen

Claus-Dieter Steyer

Eigentlich war alles klar, doch nun kommt es anders: Statt eines Erlebnisrestaurants entsteht im historischen Kaiserbahnhof von Potsdam eine Managementakademie für Führungskräfte. Bauen will die Deutsche Bahn AG als Bahnhofbesitzerin höchstselbst, wie jetzt mitgeteilt wurde. Bis zum Frühjahr soll das Konzept vorliegen.

Mit dieser überraschenden Entscheidung erfreuen die Bahner Ministerpräsident Manfred Stolpe, der hofft, "dass man nun gemeinsam zu einem guten Ergebnis kommen" werde. Gleichzeitig verärgern sie aber die zwei Potsdamer, die ihre Restaurantpläne für so gut wie sicher hielten. Wozu sie auch allen Anlass hatten, lagen doch alle nötigen Papiere am Dienstag der Woche zur Unterschrift auf dem Tisch, als der DB-Vertreter verkündete, die Bahn wolle ihr Gebäude lieber selbst nutzen.

Im Herbst 2000 hatten die beiden Potsdamer Gastronomen Andreas Schlausch und Siegbert Nicolaides ihre Pläne für die Rettung des verfallenen Gebäudes vorgestellt. Danach sollte der Gebäudekomplex am Rande vom Park Sanssouci für eine gastronomische und kulturelle Nutzung saniert werden. Dabei sollte die historische Bausubstanz des zum Unesco-Welterbe gehörenden Bahnhofs erhalten bleiben - geschätzte Sanierungskosten: rund 40 Millionen Mark.

In den vergangenen Monaten hatten Schlausch und Nicolaides gemeinsam mit Vertretern mehrerer Ministerien, der Stadt Potsdam und der Bahn an einem Finanzierungskonzept gearbeitet. Danach wären Kosten in einer Gesamthöhe von 21,3 Millionen Mark entstanden. Davon hätten die Gastronomen 7,5 Millionen Mark getragen, die Bahn sollte drei Millionen Mark zusteuern. Weitere Millionenbeträge sollten aus Fördertöpfen dreier Ministerien sowie von den Stiftungen Denkmalpflege und Umweltschutz fließen.

Schlausch kritisierte das Vorgehen der Deutschen Bahn. Die Arbeit vieler Monate sei zunichte gemacht worden. "Alle Beteiligten waren sich einig, dass unser Gastronomieprojekt verwirklicht werden soll. Jetzt fängt alles wieder von vorne an." Schlausch bezweifelte, ob die Bahn in der Lage sei, bis zum Frühjahr ein Konzept vorzustellen. Auch im Bauministerium zeigte man sich "überrascht" über den plötzlichen Sinneswandel bei der Bahn. Problem bei der Finanzierung sei, so ein Mitarbeiter, dass Bundesprojekte aus haushaltstechnischen Gründen nicht mit Landesmitteln gefördert werden dürften. Zudem werde das Welterbe-Denkmal durch die neuen Pläne nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das könne nicht im Interesse der Stiftung Schlösser und Gärten sein.

Der Kaiserbahnhof war zwischen 1905 und 1908 von dem Architekten Ernst von Ihne für den als "Reisekaiser" bekannten Wilhelm II. errichtet worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel der von der Bahn nicht mehr genutzte Komplex zusehends, seit 1997 ist er wegen Einsturzgefahr gesperrt.

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