Boxen : SV Babelsberg 03: Fußball - nein danke!

André Görke

Kurz vor acht schaute Uwe Vock auf die Uhr. Ein paar Schritte hinter seinem Gartenzaun war die Hölle los. Im Karl-Liebknecht-Stadion feierten 15 000 Fans bei Nackensteak, Freibier und Volksmusik. Der SV Babelsberg 03 hatte den Aufstieg in die zweite Fußballbundesliga geschafft. Nachbar Uwe Vock aber hatte der Stadt Potsdam schon vor dem Spiel klar gemacht, "dass in Wohngebieten um 20 Uhr Zimmerlautstärke herrschen muss", sagt Vock. "Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum." Der 44-Jährige blickte noch einmal auf die Uhr, griff zum Telefon und erinnerte die Beamten an die Anwohnerrechte. "Um fünf nach acht war Ruhe", sagt Vock.

Zu viel Lärm, zu viel Dreck, zu viel Stadion. In Babelsberg ist ein Streit zwischen der Bürgerinitiative "Schöneres Babelsberg" und dem Fußballklub entfacht. "Bei Heimspielen bricht hier das Chaos aus", klagt Vock. Fußballfans pinkeln in Hauseingänge, Autos parken den Kiez zu. "Da kommt kein Rettungswagen mehr durch", sagt Vock. "Hat jemand einen Herzinfarkt, stirbt er. Brennt das Haus, brennt es ab." 25 Familien seien direkt betroffen. Sie wohnen größtenteils in der Grenzstraße, direkt hinter der Haupttribüne.

In der Straße Alt-Nowawes ziehen die auswärtigen Fans zum Gästeblock. Auch hier hält sich die Freude der Anwohner in Grenzen. Die Bürgerinitiative fordert, dass "die Stadt mit uns reden soll", sagt Vock. "Sie darf sich den Plänen eines Stadion-Neubaus nicht verschließen. Dieser kostet genauso viel wie eine Stadionsanierung." Die Vorschläge der Bürgerinitiative: Am Stern-Center soll ein Neubau her. Da ist die Autobahn gleich um die Ecke. Oder am Regional-Bahnhof Drewitz.

Die Bürgerinitiative argumentiert recht geschickt. Die Statuten des Deutschen Fußball-Bunds schreiben vor, dass der Abstand zwischen Stadion und Wohnhaus 120 Meter betragen muss. Bei der Baugenehmigung der neuen Flutlichtmasten hätte die Bürgerinitiative Mitspracherecht. "Sie liegen direkt in der Sichtachse zwischen Flatowturm und Schloss", sagt Vock. "Also im Weltkulturerbe der Unesco." Es geht der Bürgerinitiative um die Stadt, nicht um den eigenen Wohnkomfort. Zumindest drücken sie sich so aus. "Fußball ist ein Spiel. Um mit unseren Steuergeldern zu zocken, sind diese zu wertvoll", steht auf der Internetseite. "Die Gärten und Schlösser sind Werbung für die Stadt", sagt Vock. "Nicht ein Fußballverein. Bei dem ganzen Dreck wenden sich Touristen doch ab."

Babelsbergs Präsident Detlef Kaminski nervt der Streit gewaltig. Sein Klub kickt seit dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gelände, das Stadion steht seit 1976. Nachbar Vock zog erst vor zehn Jahren hierher. Der schwäbische Nachbar hatte von eklatanten Stadion-Baumängeln berichtet. Nur hat Babelsberg bereits in der höchsten DDR-Spielklasse gekickt. Sogar Länderspiele fanden hier statt. Bestimmt nicht in einer Bruchbude.

Der Verein muss jedoch in der zweiten Bundesliga enger mit der Stadt zusammenarbeiten. Die Polizei soll nur Autos der Anwohner in den Kiez rund ums Stadion lassen. Die Stadtreinigung muss schneller reagieren. Aber einen Stadionneubau? "Haben Anwohner am Olympiastadion gefordert, Hertha soll wegen der Lautstärke an die mecklenburgische Seenplatte umziehen?" Die neuen Flutlichtmasten werden auf halber Höhe eingeknickt. Die Potsdamer müssten lediglich alle zwei Wochen auf ihren freien Blick aufs Weltkulturerbe verzichten. Nur wenn das Deutsche Sportfernsehen am späten Montagabend das Spitzenspiel der Potsdamer gegen Traditionsklubs wie Eintracht Frankfurt übertragen sollte, könnte es Probleme geben. Spielverderber Vock wird dann vermutlich wieder zur Uhr starren.

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