Boxen : Teures Siechtum

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ClausDieter Steyer über den Verfall vieler Brandenburger Kleinstädte

ANGEMARKT

Leere Geschäfte, geschlossene Kneipen, unvermietete Wohnungen, an den Krieg erinnernde Ruinen? In vielen Brandenburger Kleinstädten ist das vor einigen Jahren eingesetzte Dahinsiechen nicht mehr zu verstecken. Die Ortschaften verlieren auf dramatische Weise das Wichtigste: ihre Einwohner. Diese haben sich natürlich nicht in Luft aufgelöst, sondern leben in neuen Häusern oder Wohnparks auf dem Lande, in der Großstadt und in deren unmittelbarer Umgebung oder wegen dem Job irgendwo im Westen. Dazu kommt ein drastischer Geburtenrückgang, dessen Ursache nicht zuletzt in den Umbrüchen der gesamten Gesellschaft zu finden ist. Zurück bleiben die Alten und Arbeitslosen.

Mit dem Ausbluten der Stadtzentren geht wertvolle Bausubstanz, meist unter Denkmalschutz stehend, unwiederbringlich verloren. Dabei war vor 15 oder 20 Jahren gerade dieser Schatz nur knapp den Abrissbirnen und Planierraupen entgangen. In Neuruppin, Kremmen oder Perleberg sollten ganze Viertel abgerissen werden, weil für deren Erhaltung das Geld fehlte. Plattenbauten waren schließlich viel schneller und billiger hochzuziehen. Zum Glück reichte das Geld nicht für die Abrisspläne. Die Wende kam zur rechten Zeit, glaubten die Stadtväter damals.

Auch heute sind die Kassen leer, heißt es überall. Doch wie auf anderen Gebieten lohnt gerade hier ein genauer Blick auf die gängige Praxis. Mehr als zweifelhaft erscheinen die riesigen Summen für die Plattenbauviertel an den Rändern der historischen Zentren. In Schwedt, Guben, Cottbus und anderen zu DDR-Zeiten im Zuge der Industrialisierung aufgeblähten Orten macht das vielleicht noch Sinn. Aber anderswo ist ein Umsteuern dringend geboten. Sonst schütteln nachfolgende Generationen zu Recht den Kopf, wenn sie erfahren, dass ein wertvolles Fachwerkhaus beispielsweise wegen des Geldes zugunsten eines Plattenbaus geopfert wurde.

Natürlich verlangt ein historisches Gebäude einen viel größeren Aufwand. Doch die Effekte der dabei gezielt eingesetzten Steuermittel sind bedeutend höher zu bewerten. Eine vitale Innenstadt lockt nicht nur Touristen und Einkaufsfreudige an, sie macht die Einwohner auch stolz und löst eine ganz neue Stimmung aus. Bürgersinn im besten Sinne des Wortes greift um sich. Da macht es nicht nur Spaß, Gast oder Investor zu sein. Viele Dinge wie die Pflege eines Parks, einer historischen Anlage oder eines 300 Jahre alten Schmuckstückes nehmen Einwohner selbst in die Hände. Neuruppin, das rund die Hälfte seiner historischen Innenstadt inzwischen hergerichtet hat, ist dafür ein gutes Beispiel.

Andere Städte erreichen diesen Stand mit Sicherheit selbst in den nächsten 50 oder 60 Jahren nicht. Bis dahin werden hier ohnehin viele Gebäude schlicht in sich zusammengefallen sein. Konzentration auf das Wesentliche müsste auch hier eine Brandenburger Weisheit sein.

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