Boxen : Versuch einer Versöhnung

Generalsuperintendent Rolf Wischnath liegt in der Klinik. Der Streit um seine Stasi-Kontakte geht weiter. Die Kirchenleitung sucht das Gespräch

Robert Ide

Cottbus/Berlin. Der Mann, um den es ging, saß nicht mit am Tisch. Er lag in der Klinik. Rolf Wischnath, der umstrittene Generalsuperintendent der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, war am Freitagabend das Thema auf der Sitzung der Kirchenleitung. Auf seinem Platz saß ein Stellvertreter, wie schon in den Wochen zuvor. Wischnath, der verdächtigt worden war, unter dem Decknamen „IM Theologe“ für die DDR- Staatssicherheit gearbeitet zu haben und daraufhin in heftigen Streit mit der Kirchenleitung geraten war, konnte nicht mitreden über seine Vergangenheit und seine Zukunft in der Kirche. Ein Gespräch mit ihm soll noch stattfinden. Das ist die gute Nachricht, die die Kirchenleitung am Montag per Fax aus dem Berliner Kirchenzentrum hinaussandte.

„Ich hoffe, dass es jetzt zu Frieden und Versöhnung in der Kirche kommt“, sagte Bischof Wolfgang Huber am Montag. Auch Wischnath hatte zuletzt seine Bereitschaft zum Dialog bekräftigt. Huber sei weiterhin sein „Bischof, Freund und Bruder“. In der Erklärung der Kirche heißt es dazu: „Seiner Bitte um Vergebung möchte die Kirchenleitung gern entsprechen.“

Im Februar hatte Wischnath den Kirchenoberen noch vorgeworfen, hinter seinem Rücken seine Vergangenheit auszuforschen. Diese warf Wischnath dann kirchenschädigendes Verhalten vor. Im Zuge der Affäre erkrankte Wischnath. Er wurde in eine Klinik eingeliefert und begab sich in ein psychiatrisches Krankenhaus.

In ihrem Schreiben wünscht die Kirchenleitung ihrem Generalsuperintendenten baldige Genesung. Rolf Wischnath war am Montag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Er ist noch nicht genesen.

Der Erklärung vom Montag vorausgegangen war ein Bericht des Präses Jürgen Schmude, der im Auftrag der Kirchenleitung den Fall aufarbeiten sollte. Der fünfseitige Bericht wurde am Freitag im Kirchenzentrum diskutiert, dabei schloss sich die Kirchenleitung Schmudes Bewertung über Wischnaths Stasi-Kontakte an. In seinem Bericht hatte Schmude festgestellt, „dass keine Zusammenarbeit von Dr. Wischnath mit dem DDR-Staatssicherheitsdienst stattgefunden hat“. Laut Schmude gibt es „eine plausible Erklärung dafür“, dass Wischnath zwar als „IM Theologe“ registriert worden sein könnte, aber nicht als Spitzel tätig war.

Der Westfale Wischnath hatte nach Bekanntwerden des Stasi-Verdachts eingeräumt, als linker Student intensive Kontakte in die DDR gepflegt zu haben. Nach Recherchen des Tagesspiegel in den öffentlich zugänglichen Stasi-Unterlagen hatte er zugegeben, auch Materialien an Personen in der DDR übergeben zu haben. Zur Erklärung seiner intensiven DDR-Kontakte hatte er gesagt: „Aus Eitelkeit habe ich das gemacht.“ Aus Kirchenkreisen heißt es nun, Wischnath bekomme eine letzte Chance.

In Schmudes Bericht wird Wischnaths Verhalten gegenüber der Kirchenleitung kritisiert. „Für das schädliche Bild der Kirche ist er in erheblichem Ausmaß mitverantwortlich.“ Dennoch äußerte sich der Präses optimistisch zur Zusammenarbeit beider Seiten. „Versöhnung war die Antriebskraft für meinen Bericht“, sagte Schmude. Auch Konsistorialpräsident Uwe Runge, der beim Verfassungsschutz über die Stasi-Kontakte Wischnaths nachgeforscht hatte und deshalb von Wischnath angegriffen worden war, übte Zurückhaltung. „Wir müssen jetzt alle gnädig miteinander umgehen“, sagte er. Der ehemalige Bischof Martin Kruse mahnte zur Verständigung: „Der Bericht ist eine stabile Basis zur Befriedung.“

Wie schwer es ist, Wahrheit zu finden und Versöhnung zu stiften, zeigt ein weiterer Konflikt. Darin verwickelt ist der Historiker Hubertus Knabe, einst Mitarbeiter der Gauck-Behörde. Er hatte im Tagesspiegel erklärt, bei Recherchen in Stasi-Akten eine Übereinstimmung von Wischnath mit dem Decknamen „IM Theologe“ gesehen zu haben. Daraufhin schrieb ihm nun die Behörde einen Brief, in dem sie ihn zur Verschwiegenheit über nicht- öffentliche Stasi-Akten ermahnt. „Eine Verletzung kann auch strafrechtlich relevant sein“, heißt es in dem Brief. Knabe beklagt jetzt eine Behinderung der Aufarbeitung. „Die Behörde verhindert die Herausgabe des entscheidenden Dokuments“, sagt Knabe.

Der Streit um Rolf Wischnath – er ist wohl noch lange nicht zu Ende.

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