Boxen : Von der märkischen Heide nach Mallorca oder New York

CLAUS-DIETER STEYER[FINOW]

Große Pläne für die ehemals russischen Flugplätze in Finow und Groß DöllnVON CLAUS-DIETER STEYER, FINOWNoch sind diese Ansagen Vision: "Achtung! Letzter Aufruf für den Flug Palma de Mallorca - Finow" oder "Wegen technischer Probleme legt unsere Maschine aus New York in Groß Dölln einen Zwischenstopp ein".In den bisher weitgehend unbeachteten Orten nördlich Berlins soll tatsächlich Brandenburger Luftfahrtgeschichte geschrieben werden.Finow will einen Regionalflughafen für jährlich eine Million Passagiere bauen, während das nur 25 Kilometer westlich gelegene Groß Dölln einen Landeplatz für riesige Frachtmaschinen des Typs Boeing 747-400 ins Auge faßt.Wie Nachfragen in beiden Orten ergaben, ist das Stadium der Ideensuche längst Vergangenheit.Trotz Bedenken von Anwohnern und Naturschützern wollen Investoren und Kommunen mit den Flugplätzen abheben - heraus einer bekanntermaßen äußerst kritischen Wirtschaftslage.Bei einer realen Arbeitslosenquote von fast 25 Prozent löst jedes Versprechen auf neue Jobs eine Hoffnungswelle aus. Beide Flughäfen haben eine ähnliche Geschichte.Die ersten Maschinen starteten und landeten hier vor dem Zweiten Weltkrieg.In Groß Dölln hatte Reichsmarschall Hermann Göring für seine nicht weit entfernte Residenz "Karinhall" ein Stück Wald für Kuriermaschinen roden lassen.Nach Kriegsende nahm die sowjetische Armee das Gelände in Beschlag.Ab 1956 bauten sie es zu einer der größten Militärbasen des Warschauer Paktes aus.Noch 1989 wurde eine vier Kilometer lange Betonpiste in die Schorfheide geschlagen. Jetzt hat die Flugplatzverwaltungsgesellschaft Groß Dölln AG insgesamt 580 der insgesamt 1500 Hektar großen Fläche von der Brandenburger Bodengesellschaft gekauft, um den Platz für zivile Flüge herzurichten.Beteiligt daran sind internationale Unternehmen.965 Arbeitsplätze sind in Aussicht gestellt worden.Die Genehmigung durch das Brandenburger Verkehrsministerium steht allerdings noch aus.Der Protest besorgter Umweltschützer richtet sich vor allem gegen die Größe des Projektes.Zwar sei der jetzt bestehende Flugplatz nicht wegzureden, doch solch ein riesiges Frachtflugzentrum brauche eine gute Verkehrsanbindung, heißt es von der "Initiative besorgter Bürger".Diese Straßen müßten dann durch die Schorfheide, schon zu Kaisers Zeiten unter Schutz gestellt, geschlagen werden.Auf einem Teilgelände will ein schwedisches Unternehmen mit 100 Arbeitskräften ein Werk für Holzhäuser errichten.Die Produktion beginnt schon im September. Auch in Finow und Umgebung entzündet sich die Kritik von Anwohnern an den geplanten Dimensionen des künftigen Regionalflughafens.Hier soll nach Berlin-Schönefeld immerhin der zweitgrößte Flughafen in Brandenburg entstehen.Gut in Erinnerung ist offenbar der Höllenlärm der russischen Jagdflugzeuge, der hier bis 1993 das Leben belastete.Die Russen waren auch hier nach der Wehrmacht gekommen und bauten den Flughafen aus.Derzeit ist das Gelände für Flugzeuge bis 14 Tonnen Abflugmasse zugelassen.Im letzten Jahr wurden 10 000 Starts und Landungen registriert. Die Flugplatz Finow GmbH verspricht eine radikale Senkung des Lärmpegels gegenüber den russischen Überschallkampfmaschinen."Beim Abflug wird in unseren Plänen keine Ortschaft überflogen", sagt Geschäftsführer Stefan Brügmann.Nur bei stärkerem Ostwind, der im Jahresdurchschnitt an zehn Prozent aller Tage auftritt, würde geringfügig die Ortschaft Marienwerder betroffen.Beim Überflug von Marienwerder in 900 Meter Höhe werde mit einem Pegel von 55 Dezibel dB(A) gerechnet.Dieser Wert entspreche der Lautstärke eines Gespräches. Als künftiger Betreiber des Regionalflughafens ist die Flughafen Wien AG im Gespräch.Sie will rund 300 Millionen Mark investieren und in der Anfangsphase 243 Arbeitsplätze unmittelbar auf dem 195 Hektar großen Gelände schaffen.Noch einmal soviel sind in der Umgebung in Aussicht gestellt worden.Die Wiener wollen vor dem endgültigen Einstieg den Ausgang des Raumordnungsverfahrens abwarten, das in den nächsten Wochen beginnen soll."Wir rechnen in zehn Jahren mit acht bis zehn Prozent des derzeitigen Berliner Luftverkehrsaufkommens, also mit einer Million Passagieren", erklärt der Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Aeropark Finow, Bepo Brandstetter. Die Technischen Werke Eberswalde haben sich mit einem Gesellschafteranteil von 3,25 Millionen Mark kürzlich die Sperrminorität gesichtert."Nicht passiert ohne uns", sagt der Eberswalder Bürgermeister Reinhard Schulz, der den Flughafen als neue Chance für die Region betrachtet.Den Industriestandort Eberswalde werde es künftig nicht mehr geben.Die Stadt brauche deshalb ein neues Profil.

0 Kommentare

Neuester Kommentar