Boxen : „Willy Platzeck“ geht bald ganz, ahnt die SPD

Michael Mara

Potsdam - Kein Jubel, nur selten Applaus. Es herrscht eine merkwürdige Stimmung in der SPD-Landtagsfraktion. Minister und Abgeordnete verfolgen auf einer großen Videoleinwand die Rede von Matthias Platzeck auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe. Nur selten wird gesprochen – man lauscht ergriffen, obwohl vieles für die Genossen hier nicht unbekannt ist. Zum Beispiel, als Platzeck von der „Erneuerung aus eigener Kraft“ spricht, wie in seiner Regierungserklärung vor dem Landtag. Oder als er Finnland als Wirtschafts- und Sozialmodell für Deutschland preist, wie bisher für Brandenburg.

Nach der Rede wird die Wahl nicht abgewartet. Die Übertragung wird beendet. „Wir bekommen den besten Parteivorsitzenden der Welt“, ruft Fraktionschef Günter Baaske enthusiastisch. „Unser Willy Platzeck“ – eine Anspielung auf Platzecks Vorbild Willy Brandt. So wundert sich auch keiner wirklich über das „sensationelle“ Wahlergebnis von 99,4 Prozent. Stolz sind sie hier, aber auch nachdenklich. Und ahnen wohl, dass Platzecks Tage in Brandenburg gezählt sind.

Zwar bleibt der neue Parteichef vorerst Ministerpräsident und SPD-Landeschef. Aber wie lange? Zwei bewährte Mitstreiter, Bildungs-Staatssekretär Martin Gorholt und Landesgeschäftsführer Klaus Ness, wechseln bereits am Montag ins Willy-Brandt-Haus: Gorholt soll heute auf der konstituierenden Sitzung des neuen SPD-Vorstandes zum neuen Bundesgeschäftsführer berufen werden. Sein Nachfolger im Bildungsministerium, der Bildungsprofi Burkhard Jungkamp aus Nordrhein-Westfalen, soll am Dienstag die Ernennungsurkunde als Staatssekretär erhalten. Ness wird in Berlin für strategische Grundsatzfragen zuständig sein, vorerst in Doppelfunktion. Erst am 5. Dezember will der Landesvorstand seinen Stellvertreter Lars Kumrey als kommissarischen Landesgeschäftsführer berufen.

Unterdessen sieht die Linkspartei PDS schwere Zeiten auf Brandenburg zukommen. Platzeck müsse als neuer SPD-Vorsitzender in der ganzen Republik unterwegs sein, da bleibe kaum noch Zeit für Brandenburg, glaubt Fraktionschefin Kerstin Kaiser. Außerdem müsse er viele Rücksichten nehmen: „Ich gehe davon aus, dass wir eine Regierung auf Abruf haben.“

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