Verbraucher : Das Internet macht wieder reich

Heute läuft vieles besser in der New Economy – Anleger sollten trotzdem vorsichtig sein

Arvid Kaiser

Man kann im Internet wieder reich werden. Steven Chen und Chad Hurley machten es vor. Für die von ihnen gegründete Videoplattform Youtube zahlte Google im Oktober 1,65 Milliarden Dollar. Für ähnliche Beträge kauften zuvor schon Ebay das Onlinetelefonnetz Skype und die News Corporation die Netzgemeinschaft Myspace. Die Summen erinnern an den Goldrausch der neunziger Jahre, vor dem Platzen der Spekulationsblase am Aktienmarkt im Frühjahr 2000.

Was damals die New Economy war, die im Netz angeblich ökonomische Gesetze der realen Welt außer Kraft setzte, ist heute Web 2.0. Das Schlagwort ist erst zwei Jahre alt und wurde vom Computerbuchverleger Tim O’Reilly verbreitet. Inzwischen findet Google den Begriff 117 Millionen Mal im Netz. Er signalisiert, dass das Internet von heute mit dem von vor zehn Jahren nichts mehr zu tun habe – wie eine neue Softwareversion, die das Programm völlig verändert.

Der Hamburger Jungunternehmer Lars Hinrichs plant mit seinem Karrierenetzwerk OpenBC (in Zukunft „Xing“) in den kommenden Monaten den „weltweit ersten Web-2.0-Börsengang“. Über sein Unternehmen sagt er: „Wir machen echte Umsätze.“ Anders als vor der Jahrtausendwende stehe der Nutzwert im Vordergrund – positive Bewertungen von Startups seien realistischer als damals.

Tim Berners-Lee, der als Erfinder des World Wide Web gilt, ist skeptisch: „Web 2.0 ist ein Werbeschlagwort. Niemand weiß, was es bedeutet.“ Dennoch hat sich das Netz seit dem Crash spürbar verändert. Online-Gemeinschaften, Blogs und Wikis, allesamt Teil des „sozialen Netzes“, stehlen starren Konsumseiten die Show. Hauptgrund dafür sind die schneller gewordenen Rechner und die Verbreitung billiger Breitbandanschlüsse. Dadurch sind immer mehr Menschen bereit, Zeit im Netz zu verbringen und große Datenmengen auszutauschen. Idee und technische Grundlagen sind nicht neu, doch jetzt wird es erschwinglich, sie zu nutzen.

Wie lässt sich mit dem an sich unkommerziellen „sozialen Netz“ Geld verdienen? Das Geschäftsmodell Web 2.0 ist minimalistisch: Ein Unternehmen bietet gratis eine Plattform an, die von Nutzern mit Inhalt gefüllt wird. Das spart Kosten. Den Umsatz bringen die wenigen Nutzer, die bereit sind, für Zusatzangebote zu bezahlen, vielleicht auch etwas Werbung. Deshalb kommt es zunächst darauf an, möglichst viele Nutzer zu gewinnen. Doch auch dann ist eine Web-2.0-Firma meist nicht profitabel. Youtube beeindruckte im Oktober zwar mit täglich 100 Millionen gelieferten Videos, verlor gleichzeitig jedoch jeden Monat einige Millionen Dollar. Weil jedermann leicht ein gleichwertiges Angebot ins Netz stellen kann, müssen die Unternehmen vermeiden, dass sie aus der Mode kommen.

Eine weitere Gefahr droht von Copyrights, von deren Missachtung das Web 2.0 zum Teil lebt. Sportligen und Medienkonzerne haben bereits eine Klagewelle gegen Google angekündigt, sollte Youtube seine Inhalte nicht filtern. Die Hoffnung auf einen anhaltenden Boom gründet darauf, dass weitere Werbemilliarden ins Internet wandern – doch mehr Werbung könnte auch Nutzer verschrecken.

Dass Schwergewichte der Branche wie Google für so wenig Substanz Milliarden auf den Tisch legen, nehmen Kritiker als Beleg für eine neue Spekulationsblase. Weil die Erinnerung an das beim letzten Mal verlorene Geld noch frisch ist, andererseits viele auf eine neue Chance für das große Glück hoffen, kochen im Netz die Emotionen hoch. Ausgerechnet die Akteure reagieren allergisch auf den Rummel. Der Blogger Don Alphonso schreibt, Web 2.0 sei „der stinkende alte Schlauch für neuen Wein“. Andere Netzaktivisten bezweifeln die von einigen Unternehmen vorgelegten Kundenzahlen: Die meisten der 100 Millionen Myspace-Mitglieder etwa tauchten schon einen Monat nach der Anmeldung nicht mehr auf der Seite auf. Selbst eine Web-2.0-Profiteurin stimmte ein. Caterina Fake, die im Frühjahr 2005 mit ihrem Partner die gemeinsam betriebene Fotoseite Flickr an Yahoo verkaufte, verkündete in diesem März in ihrem Blog eine „schlechte Zeit, um Unternehmen zu gründen“. In den wütenden Reaktionen darauf sah sie sich bestätigt: „Welchen besseren Beweis für eine Spekulationsblase gibt es, als Massenwahn?“Andererseits sieht der berühmteste Mahner vor dem Dotcom-Boom der Neunziger, der Ökonom Robert Shiller, den aktuellen Hype als vergleichsweise milde an: „Die ganze Einstellung zum Aktienmarkt ist heute viel nüchterner.“

Für Anleger gibt es bislang kaum Möglichkeiten, auf den Zug aufzuspringen – vielleicht zum Glück, meint Per-Ola Hellgren, Analyst der Landesbank Rheinland-Pfalz. Mangels echter Web-2.0-Aktien profitieren klassische Internettitel wie Google, Ebay oder Yahoo von dem Hype. „Da handelt es sich um eine Blase“, sagt Hellgren. „Der Substanzwert liegt weit unter dem Marktwert.“ Zwar seien Internetfirmen generell Wachstumsunternehmen, doch „nur weil die Volumina steigen, steigen nicht auch die Erträge“. Kurzfristig könne sich eine Anlage in Internetaktien zwar durchaus lohnen. Die Chance auf große Verluste sei aber ebenso groß wie die auf große Gewinne. Web-2.0-Unternehmer Lars Hinrichs hat eine eindeutige Antwort auf die Frage Blase oder Chance: „Beides ist richtig.“

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