Verstecktes Mädchen : Lübbenow: Hilfe für die "Horror-Eltern"

Wer sein Kind jahrelang versteckt, es keinem Arzt vorstellt und nicht zur Schule anmeldet, wird unbarmherzig an den Marterpfahl gestellt. Doch im Fall der 13-jährigen Jennifer bleiben viele Fragen offen.

Ein Kommentar von Claus-Dieter Steyer
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In Obhut. Kinderklinik in Eberswalde F: dpadpa-Zentralbild

Wer sein Kind jahrelang versteckt, es keinem Arzt vorstellt und nicht zur Schule anmeldet, wird unbarmherzig an den Marterpfahl gestellt. Nachbarn zeigen mit Fingern auf die Eltern, Behörden setzen plötzlich die ganze bürokratische Maschinerie in Gang und viele Medien ziehen gleich Parallelen zu tödlich verlaufenden Vernachlässigungen der letzten Jahre. Nein, so leicht kann das Schicksal der 13-jährigen Jennifer aus dem winzigen uckermärkischen Dorf Lübbenow nicht bewertet werden. Viel zu wenig weiß man über die Familie, die wohl aus Scham über ihre geistig und körperlich behinderte Tochter aus der Großstadt Berlin in die 100 Kilometer entfernte Abgeschiedenheit gezogen war. Sie fürchtete sich offenbar vor Gaffern, dem Gerede der Leute, den Fragen nach der Ursache des Leids der Tochter und wohl auch vor der Kälte in den Verwaltungsstuben. Ganz bewusst entschieden sich die Eltern, ihr Kind im eigenen Haus am Ortsrand allein zu betreuen.

Der Staatsanwalt sprach von einem „verwahrlosten Zustand“ des Mädchens und berief sich auf die Polizei, die das Kind aus seinem Elternhaus mitnahm und vorsorglich in eine Klinik brachte. Nachfragen sind nicht möglich, so dass Zweifel bleiben. Könnte es nicht sein, dass die Eltern ganz liebevoll mit ihrer Tochter umgegangen sind? Darauf deuten einige Umstände, nicht zuletzt die normale Entwicklung der beiden Geschwister hin. Psychologen halten dagegen, dass sich die geistige Behinderung in der Isolation verstärken würde. Aber nahm jemand der Familie die Scheu vor Ärzten und Behörden? Vielleicht beließ der Mitarbeiter des Jugendamtes die Akte des Mädchens vor drei Jahren ganz bewusst in seiner Schublade, um Kind und Familie zu schützen? Er kannte bestimmt die Qualität der Behinderten-Einrichtungen seines Landkreises und muss sich jetzt aber für sein Verhalten verantworten. Personelle Konsequenzen hat der zuständige Landrat bereits angekündigt. Sich selbst meinte er damit bestimmt nicht, obwohl in seinen Ämtern wohl einiges durcheinanderläuft. Fragen über Fragen.

Bei aller berechtigten Schelte der Behörden rückt der entscheidende Punkt zu schnell in den Hintergrund: Wie steht es um das Wohl des jetzt aus seiner gewohnten Umgebung gerissenen Kindes? Das von der Boulevard-Presse kurzerhand zu „Horror-Eltern“ gemachte und von Hartz IV lebende Ehepaar kann es wenigstens besuchen. Wie wenig unsere Gesellschaft auf Behinderte nach wie vor eingerichtet ist, zeigt die erneute Flucht der Familie. Hals über Kopf packte sie ihre Koffer, um sich an einer – zum Glück noch unbekannten – Adresse erneut zu verstecken. Ganz behutsam und diskret müsste sie jetzt Hilfe erhalten. Die Drohung einer Gefängnisstrafe für ihr nach wie vor unerklärliches Verhalten ist das denkbar falscheste Signal der Öffentlichkeit an die Familie. Zu viel Vertrauen ist in den vergangenen Jahren nicht nur im bis vor einer Woche noch völlig unbekannten Lübbenow schon zerstört worden.

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