Der Tagesspiegel : Wegweiser ins Wunderland

Begnadete Bankrotteure, romantische Revolutionärinnen und ermordete Hellseher – „Zitty“ hat das Umland neu entdeckt

Sandra Dassler

Auf kargem Boden, den zaghaft und vereinzelt ein paar grüne Halme durchstoßen, steht ein hölzerner Liegesessel. Man könnte schwören, dass er von Ikea kommt – schon allein dieses fette blau-weiß gestreifte Stoffteil, das der Wind brutal nach oben bläht. Er muss stark sein, dieser Wind, denn der Liegesessel wird von großen Steinen beschwert, damit er nicht davonfliegt. Auch ein hellblauer Regenschirm ist fest am Sessel verankert. Er trägt die Aufschrift „See“.

Der See ist noch weit entfernt, aber er rückt näher, und wenn keine biblische Dürre dazwischen kommt, wird er den Liegesessel in 27 Jahren erreicht haben. Dann hat sich der ehemalige Tagebau in ein Gewässer verwandelt. Das Foto ist gestellt und grandios. Man muss den dazu gehörenden schönen Text von Claudia Wahjudi fast nicht mehr lesen, um die Geschichten zu ahnen, die hier geschehen – hier im einstigen Niederlausitzer Braunkohlerevier, wo Menschen die Natur so malträtierten, dass sie nun künstlich neu geschaffen werden muss. Das neue „Zitty Brandenburg“ ist in erster Linie für Berliner geschrieben. Für jene Großstadtmenschen, die ihre Umgebung fast nur der Natur wegen besuchen, wie Forscher erst jüngst herausfanden. Dabei würden auch die meisten Brandenburger staunen, was es bei ihnen alles zu entdecken gibt.

Die Autoren haben gründlich recherchiert und liebevoll geschrieben: über den begnadeten Bankrotteur Hermann Fürst von Pückler, über die romantische Revolutionärin Bettina von Armin, über den Hellseher Erik Jan Hanussen, von dem sich Adolf Hitler erst beraten, den er dann ermorden ließ, weil Hanussen alias Hermann Steinschneider Jude war. So viel Geschichte verbirgt sich hinter der Berliner Stadtgrenze, aber das ist noch längst nicht alles. Die Zitty-Redaktion hat endlich auch das gefunden, was genussfreudige Städter bislang vergeblich suchen: die Brandenburger Küche. Und überhaupt – wer einmal Radigks Brauhaus in Finsterwalde besucht hat, der weiß, dass in diesem Land Hopfen und Malz noch lange nicht verloren sind. Über 500 Adressen für Kultur, Kunst, Sport und Wellness enthält das Heft nebst jeder Menge Coupons, mit denen man bei Veranstaltungen, Essen und Trinken insgesamt mehr als 150 Euro sparen kann. Dazu kommen große Übersichtskarten, jede Menge Infos für Segler, Paddler, Angler, Wanderer, Radfahrer oder einfach nur Neugierige. Und wer sich trotz dieser geballten Ladung noch immer nicht ins Umland traut, kann ja warten: schlimmstenfalls, bis der See den Liegesessel erreicht hat.

Das neue „Zitty Brandenburg“ (156 Seiten) ist für 5,90 Euro im Zeitschriftenhandel erhältlich. Das Heft kann auch bequem online bestellt werden: unter www.zitty.de/brandenburg

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