Welt : Briten warten zwölf Stunden vor dem Sarg der Königinmutter

Hendrik Bebber

Die Stimmung ist fast so heiter und erwartungsfroh, wie bei der Volksmenge, die alljährlich beim Geburtstag vor dem Stadtpalast von Queen Mum ausharrte. Bis zu zwölf Stunden warteten die Menschen in der Schlange vor dem Sarg der Königinmutter. Nach ihrem Tod ist in Großbritannien die Diskussion um eine Reform der Monarchie neu entflammt. Im Mittelpunkt steht dabei auch die Frage, ob Prinz Charles (53) nun Camilla Parker Bowles (54) heiraten darf. Aus dem Königspalast kommen Signale der Offenheit: Die Einladung der Charles-Geliebten zur Trauerfeier ist nach Wertung der Kommentatoren sichtbarstes Zeichen der "Entspannung."

Obwohl die über alles bestimmende Queen Mum Parker Bowles seit Jahren kannte, konnte sie die Liaison der Geschiedenen mit ihrem Lieblingsenkel Prinz Charles nie akzeptieren. "Sie kam aus einer Generation, in der königliche Skandale geheim gehalten wurden", hieß es dazu erklärend vom Hofe. Ihre strengen religiösen und moralischen Überzeugungen seien noch stärker gewesen als die Liebe zu Charles. Der wiederum habe es "nicht gewagt", die Gefühle seiner geliebten Großmutter zu verletzen.

Dank der täglichen Sonderseiten in den Zeitungen geht den Wartenden vor dem Sarg der Gesprächsstoff nicht aus. Man schmunzelt über die Anekdoten, die die Prinzen Edward und Harry über ihre Urgroßmutter erzählten. Besonders lustig erscheint die Geschichte, wie die 100-jährige im traditionellen Ratespiel "Charade" der Familienweihnachtsfeier so blendend einen jungen Hip-Hop Komödianten nachahmte, dass die Prinzen sich vor Heiterkeit am Boden wälzten. "Sie liebte es, sich kaputt zu lachen - auch über sich selbst," enthüllte der 19-jährige Prinz William über den "jugendlichen Humor" der Matriarchin. Für in und seinen 17-jährigen Bruder Harry war die Urgroßmutter eine "große Inspiration". Sie beeindruckte sie nicht nur mit ihrer Fröhlichkeit und Lebenslust sondern auch mit ihrer Willenstärke und ihrem Pflichtbewusstsein.

Camilla ist sicher der Trauergast, der morgen beim Gottesdienst das größte Medieninteresse findem wird. Unter den 2500 Teilnehmern befinden sich 25 Vertretern der Monarchien und Fürstenhäuser Europas, darunter Prinz Ernst August von Hannover. Premierminister Tony Blair wird neben seinen Kollegen aus Australien, Neuseeland und Kanada sitzen, die das Band der Königinmutter zum Commonwealth symbolisieren. Deutschland wird durch den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vertreten, mit dem sich die Queenmum im Gegensatz zu ihrer nachgesagten "Deutschfeindlichkeit" blendend verstanden hat.

Mit der Beisetzung morgen Abend im engsten Familienkreis endet die neuntägige Staatstrauer. Nicht alle Briten mochten daran teilnehmen. Der Schiedsrichter beim Spiel zwischen "Celtic" und "Livingstone" der schottischen Spitzenliga musste die Schweigeminute für die Königinmutter abbrechen, weil die Zuschauer dabei grölten und pfiffen. Stilecht jedoch ehrten die britischen Rennsportfreunde ihre verstorbene Patronin.

Die Wetten für das "Grand National" brachten ein Rekordergebnis. Die Königinmutter war stets Ehrengast bei dem berühmten Springreiten und hat dabei auf ihre eigenen Pferde gesetzt, die freilich immer verloren. Das mag neben den Ausgaben für ihren üppigen Hofsaat und die vier Residenzen auch mit ein Grund für die hohen Schulden gewesen zu sein, die sie laut dem "Mirror" hinterlässt. Immerhin bleibt nach dem Abzug der elf Millionen Euro Schulden noch fünf Millionen Euro Erbmasse für die Urenkel übrig.

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