Welt : Das Bild, das bleibt

Psychotherapeuten bewerten ersten TV-Auftritt des 18-jährigen Entführungsopfers unterschiedlich

Hartmut Wewetzer

Berlin - Fast die Hälfte ihres Lebens hat die 18-jährige Natascha Kampusch im Kellerverlies ihres Entführers Wolfgang Priklopil zubringen müssen. Umso mehr beeindruckte die junge Frau in ihrem Fernsehinterview. Sie zeigte sich zwar zurückhaltend, aber streckenweise auch selbstsicher und redegewandt. Der Geiselnehmer hat es nicht geschafft, ihr seelisches Rückgrat zu brechen, meint der Psychologe Georg Pieper, der Traumaopfer betreut, sichtlich beeindruckt. „Sie war als Persönlichkeit wesentlich stärker als er, sie hat seine Labilität erkannt.“

Natascha Kampusch habe sich mit ihrer Lage arrangieren müssen und sei vermutlich über eine Art Hassliebe mit ihrem Entführer verbunden gewesen. „Aber sie hat sich nicht verbogen und ist ihrem innersten Kern treu geblieben“, sagte Pieper dem Tagesspiegel. „Von der Liebe ihrer Familie hat sie in den acht Jahren ihrer Geiselhaft gezehrt.“

Ganz erstaunlich sei ihre Redewendung gewesen, dass sie als Zwölfjährige mit ihrem späteren Erwachsenen-Ich einen Pakt geschlossen habe, dass sie solange wachsen werde, bis es kommen werde, um das kleine Mädchen eines Tages zu befreien. „Das ist eine Strategie, wie sie bei der Behandlung von Traumaopfern angewendet wird.“

„Natascha Kampusch hat in fast aussichtsloser Lage nicht aufgehört, an das Gute zu glauben", sagte Pieper. „Sie ist ein Vorbild für Jugendliche, die schnell aufgeben und sich hängen lassen. Und genauso für Erwachsene.“

Allerdings gab es auch Kritik an dem frühen Fernsehauftritt von Natascha Kampusch, die erst vor zwei Wochen freikam. Das Interview vermittle ein „völlig falsches Bild“, sagte der Kinderpsychologe Christian Lüdke. Es habe eine „starke, hübsche junge Frau“ gezeigt. „Das ist aber ein kleines, verletztes Mädchen, das die Hölle erlebt hat.“ Die Folgen der Entführung zeigten sich erst in den nächsten Monaten und Jahren.

Dagegen verteidigte Kampuschs Medienberater Dietmar Ecker den Gang an die Öffentlichkeit. „Erstens wollte sie wirklich in die Medien, und das ist nicht leicht, ihr das auszureden, ich muss das offen sagen“, sagte Ecker im Bayerischen Rundfunk. „Das zweite ist: Die Situation in Wien in den letzten Tagen war eine Katastrophe.“ Kampusch sei von einigen Medien „verfolgt und belagert“ worden.

Auch der Psychologe Pieper hält das Interview für „therapeutisch sinnvoll“. Es sei Natascha ein „starkes Bedürfnis nach der achtjährigen Isolation von der Welt gewesen, weil sie spürte, dass Millionen Menschen an ihrem Schicksal Anteil nehmen. Und sie musste die Neugier der Mediengesellschaft stillen.“

Pieper appelliert zugleich an die Journalisten, die Privatsphäre der jungen Frau zu achten. „Jeder, der ihr mit der Kamera nachläuft, demütigt sie, macht ihr die Rückkehr in ein normales Leben sehr schwer und stellt dadurch vielleicht unüberwindbare Hürden für sie auf.“

Für die Psychiaterin Isabella Heuser von der Berliner Uniklinik Charité ist Natascha noch immer in einer schwierigen Situation. „Acht Jahre lang war sie für einen erwachsenen Mann das Zentrum des Universums, jetzt steht sie wieder im Mittelpunkt des Interesses“, sagte Heuser. „Aber was passiert, wenn das vorbei ist, wenn sie ein ganz normales Leben führen muss? Sie hat eine Chance – aber auch noch einen weiten Weg vor sich.“

Auch nach dem Interview bleiben für Heuser noch viele Fragen offen. Warum ist Natascha nicht früher weggelaufen? Warum hat in der Nachbarschaft niemand Verdacht geschöpft? Wie war das Verhältnis der jungen Frau zu ihrem Peiniger? „Nur sie kann diese Geschichte erzählen“, sagt Heuser. „Aber man muss ihr Zeit lassen und sollte mit der Kaffeesatzleserei und dem Herumdeuteln aufhören.“

Im Internet: „Besser jetzt als später. “

Medienexperte Jo Groebel über das Interview mit Natascha Kampusch auf RTL.

Online unter:

www.tagesspiegel.de

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