Gesundheit : Abraham-Geiger-Kolleg: Im liberalen Geist: erstes Rabbinerseminar seit 1942

Clemens Wergin

40 Jahre lang sind die Kinder Israels durch die Wüste gewandert. 58 Jahre dauerte es, bis nach der Schließung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin durch die Nazis wieder eine liberale Rabbinerausbildung in Deutschland möglich ist. Entsprechend feierlich war die Eröffnung des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam, wo in Zusammenarbeit mit dem Moses-Mendelssohn-Zentrum und der Universität Potsdam Männer und Frauen auf den Rabbinerberuf vorbereitet werden sollen.

Eine Anknüpfung an alte Traditionen im deutschen Judentum bedeutet das erste Rabbinerseminar auf deutschem Boden nach dem Krieg. Denn schließlich ging die liberalere, reformierte Spielart des Judentums von Deutschland aus. Zweihundert Jahre ist es her, dass mit der Gründung der Seesener Knabenschule ein erster institutioneller Anfang des reformierten Judentums gelegt wurde, der Deutschlands Juden einen Mittelweg zwischen Orthodoxie und Assimilation anbot. "Dieser Stamm wurde hier in der Nazizeit scheinbar für alle Zeiten abgehackt," sagte Zeit-Herausgeber und Kuratoriumsmitglied Josef Joffe zur feierlichen Eröffnung im Potsdamer Nicolaisaal. "Doch glücklicherweise hatten die Triebe des liberalen Judentums längst feste Wurzeln in der angelsächsischen Welt geschlagen." Denn in den USA und in Großbritannien spielte das liberale Judentum in den letzten Jahrzehnten eine viel bedeutendere Rolle als in Deutschland, wo man nach dem Kriege orthodoxe Einheitsgemeinden gründete, da damals viele der in Deutschland gebliebenen Juden aus Osteuropa stammten und es angesichts der geringen Zahl nicht geraten schien, die jüdische Gemeinschaft durch Zersplitterung weiter zu schwächen.

Seit dem Fall der Mauer hat sich aber durch die Einwanderung aus den ehemaligen Sowjetrepubliken die Zahl der Juden in Deutschland verdreifacht, so dass nun Rufe nach liberalen Gemeinden immer lauter werden. Und so will die "Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz" mit dem ersten Ausbildungsgang für Rabbiner in Deutschland seit der Nazizeit ein Zeichen setzen: für Pluralismus innerhalb der jüdischen Gemeinden ebenso wie ein Bekenntnis zu jüdischem Leben in Deutschland. Oberrabbiner Walter Jacob, Präsident des Kollegs, wies auf den Traum von Abraham Geiger hin, der im 19. Jahrhundert gerne ein Rabbinerseminar an einer deutschen Universität gegründet hätte, damit die Kandidaten ein breiter angelegtes Bild von der Welt hätten und sich mit nichtjüdischen Themen und Kommilitonen auseinandersetzen könnten. Doch da machte die Mehrheitsgesellschaft nicht mit und es gelang bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht, jüdische Studien als eigenständige Fächer an deutschen Unis zu etablieren.

Den Dialog mit der nichtjüdischen Umwelt sollen die jüdischen Studenten anstreben, so Jacob. Neben dem Talmud müsse die moderne Geschichte gelehrt werden und zur Theologie auch die Philosophie. Wie es Namenspatron Abraham Geiger hielt, der die Wissenschaft des Judentums mitbegründete und theologische Reformen mit neuen Erkenntnissen über die Geschichte des Judentums begründete. Geiger war der Meinung, das Judentum sei nicht starr und unveränderlich, wie Traditionalisten gerne behaupten, sondern habe sich stets neuen historischen Gegebenheiten angepasst. So orientierte sich der herausragende Kenner christlicher Theologie zunächst an modernen protestantischen Strömungen der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts, die er als Verknüpfung von Offenbarungsreligion und Wissenschaft begriff. Erst als die christliche Theologie hinter wissenschaftliche Prämissen zurückfiel, begann Geiger gegen antijüdische protestantische Lehren zu rebellieren. So war er der erste Jude, der den historischen Jesus gegen den Strich bürstete und seine jüdische Identität betonte. Besonders seine Einschätzung, Jesus habe der rabbinischen - also pharisäischen - Strömung angehört, löste heftige Reaktionen christlicher Theologen aus. Wenn Oberrabbiner Jacob also forderte, das Kolleg solle nicht nur zum Seelsorger, sondern auch zum Intellektuellen formen, dann hatte er auch Geigers Tugenden im Blick: immer streitbar, aber von großer intellektueller Aufrichtigkeit.

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