Gesundheit : Jüdische Aufklärer kämpften an zwei Fronten - gegen die eigenen Rabbiner und um Gleichstellung

Clemens Wergin

Von den romantischen Salons Rahel Varnhagens bis zu den charleston-tanzenden Gesellschaftslöwen der 20er und den Gedichten Else Lasker-Schülers hat sich das Bild von den Juden als künstlerischer und intellektueller Avantgarde Deutschlands eingegraben. Doch dies war nicht immer so. Bewahrte doch die jüdische Gemeinschaft bis weit ins 18. Jahrhundert hinein eine fast mittelalterliche Mentalität und Gemeindestruktur und öffnete sich erst spät aufklärerischem Gedankengut. Zwar wurden schon vorher vereinzelt jüdische Ärzte, Mathematiker und Astronomen an deutschen Universitäten zum Studium zugelassen. Es bedurfte jedoch erst einer epochalen Gestalt wie Moses Mendelssohn, um Europas Juden an die geistigen Strömungen in den Mehrheitsgesellschaften heranzuführen und den Prozess der Aufklärung in Gang zu setzen.

Während die "christliche" Aufklärung gut erforscht ist, wurde die jüdische Parallelbewegung bisher kaum systematisch bearbeitet. Dies liegt vor allem an den fehlenden Sprachkenntnissen: Nach der Vertreibung jüdischer Wissenschaftler durch die Nazis gab es kaum deutsche Forscher, die die zahlreichen jiddischen und hebräischen Quellen lesen konnten. Nun aber hat eine neue Generation von Nachwuchs-Historikern dies korrigiert und in der Zeitschrift "Das Achtzehnte Jahrhundert" einen Themenband zur jüdischen Aufklärung vorgelegt.

Die Sprachbeherrschung ist deswegen so wichtig, weil, so Projektleiter Christoph Schulte vom Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam, "die Haskala - also die jüdische Aufklärung - eine Aufklärung mit doppeltem Publikum war." Einerseits verfassten die jüdischen Aufklärer pädagogische Schriften in Jiddisch und Hebräisch, um jüdische Leser mit der aufgeklärten Kultur vertraut zu machen. Andererseits griffen sie in deutscher Sprache in die Debatten der Mehrheitsgesellschaft ein und wehrten sich gegen Verunglimpfungen. So forderte der christliche Theologe Johann Kaspar Lavater 1769 von Mendelssohn, entweder triftige Gründe für das Judentum anzuführen oder zu konvertieren. Mendelssohn schrieb als Antwort 1769 sein "Jerusalem", die Standortbestimmung eines jüdischen Aufklärers, in der er darlegte, warum Judentum und Aufklärung vereinbar seien. Nach der Schrift Christian Wilhelm Dohms "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden", in der ein Nichtjude zum ersten Mal die Bedingungen einer bürgerlichen Gleichstellung der Juden formulierte, wurde der "Außendiskurs" um die Forderung nach Emanzipation erweitert.

Diese Diskussionen - wie auch die formalrechtlichen Aspekte - sind gut dokumentiert. Weniger beachtet wurden bisher die innerjüdische Auseinandersetzung, um die eigene Selbstdefinition: Wie weit konnte man sich der Mehrheitsgesellschaft öffnen, ohne den eigenen Charakter aufzugeben?

Der Wille, einen genuin eigenen Aufklärungsweg zu nehmen, prägte nicht nur Mendelssohn, sondern auch die von ihm beeinflusste erste Generation der jüdischen Aufklärer, "Maskilim" genannt. So gründeten sie in einer Zeit, in der Jiddisch längst zur Alltagssprache der mitteleuropäischen Juden geworden war, den "Meassef", eine Aufklärungszeitschrift in hebräischer Sprache. Man wollte den Beweis antreten, dass das Hebräische auch für Weltliches taugte, schrieb nicht nur naturwissenschaftliche und politische Traktate, sondern auch Dramen und Reisebeschreibungen in der Sprache der Bibel und bemühte sich, die seit der Blütezeit des Judentums in Spanien brachliegende hebräische Poesie wieder neu zu beleben. Wie die christlichen Aufklärer hielten die Maskilim das talmudische, rabbinische Judentum für den Hemmschuh des Fortschritts und ließen sich vom altestamentarischen Hebräisch inspirieren, um zu den "reinen Quellen" zurückzugelangen. Die Maskilim diskutierten aber auch, was sie mit am meisten umtrieb: die jüdische Bildung. Eine Misere ersten Ranges, unterrichteten die jüdischen Religionsschulen doch nur religiöse Inhalte, während staatliche Schulen Juden verschlossen blieben.

Nach dem Modell des "Philantropins" gründete Mendelssohn 1778 die jüdische Freischule in Berlin, die zum "Exportartikel" werden sollte. Doch obwohl hier auch hebräische Grammatik unterrichtet wurde kam dem "Meassef" bald das Publikum abhanden: Die rasante Aneignung der deutschen Kultur führte dazu, dass bald nur noch eine kleine und zudem meist orthodoxe Minderheit Hebräisch beherrschte. Die Frage nach einer genuin jüdischen Identität wurde durch eine Abstimmung mit den Füßen entschieden: Die meisten wandten sich der Kultur der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu und erfüllten so deren Forderung nach Assimilation. Denn, so Gerda Heinrich, "die Juden hatten durch äußere Zwänge nie die Ruhe, ihre Identität zu bedenken und als historisch Veränderbare zu begreifen".Haskala. Die jüdische Aufklärung in Deutschland 1769-1812. Das Achtzehnte Jahrhundert, Jahrgang 23, Heft 2. Wallstein Verlag, Wolfenbüttel 1999. 272 Seiten. 24 Mark.

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