Welt : Nachrichten: Das grässliche Ende einer Reise

Hendrik Bebber

Sie suchten ein bescheidenes Glück und fanden einen grässlichen Tod: "Als ich mit der Taschenlampe hinter die Tomatensteigen leuchtete, erblickte ich eine See von Leichen", berichtete der Zollbeamte David Bell den Geschworenen in dem Prozess um die 58 Chinesen, die letzten Juni in einem holländischen Lastwagen während der Überfahrt nach Dover erstickten. Die Jury fand den Fahrer Perry Wacker nach den dreiwöchigen Verhandlungen in Maidsone des Todschlages schuldig. Als einzige überlebten zwei junge Männer die furchtbare Reise. Aus ihren Aussagen lässt sich jetzt das ganze Ausmaß dieses verbrecherischen Menschenhandels rekonstruieren. Die Gruppe von 56 Männern und vier Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren begann mit dem Flug von Beijing nach Belgrad. In Belgrad wurde die Gruppe mit gefälschten koreanischen Pässen ausgestattet. Über Ungarn, Österreich und Deutschland gelangten sie mit Autos und Lastwagen nach Frankreich, wo sie den Zug nach Rotterdam bestiegen. Hier verbrachten sie einige Tage in einem Lagerhaus, bis der holländische Fahrer sie in seinen Gemüsetransporter packte. "Wir bekamen gerade vier Eimer Wasser, die bald aufgebraucht waren," berichtete der 20-jährige Ku Di Ke weinend dem Gericht. Bei Außentemperaturen von 34 Grad wartete das Fahrzeug stundenlang in Zeebrügge auf die Fähre nach Dover. Wacker forderte seine Passagiere zur absoluten Ruhe auf und schloss die Belüftungsklappe. Bei der achtstündigen Überfahrt speiste er im Bordrestaurant und sah sich dann zwei Filme an, während im Laderaum der Todeskampf der Chinesen begann. "Viele schrieen und stießen die Kisten um als die Luft knapp wurde," sagte der überlebende Zeuge Shi Guang. "Wir hämmerten gegen die Türen aber niemand hörte uns." Als Zollbeamte den Lastwagen in Dover durchsuchten, war jede Hilfe zu spät.

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