Welt : "Ohne einen Schrei": Von den Abgründen einer harmlosen Badestelle

Olga Martynova

1924 als Sohn eines Serben und einer ungarischen Jüdin geboren, ist Aleksandar Tisma noch ein Nachsplitter der k.u.k.-Welt, wie sein hier lange Zeit bekannterer Landsmann Danilo Kis. Was Tisma über sich selbst erklärt - "Ich identifiziere mich mit keiner der Nationen, die auf den Trümmern der Habsburgermonarchie ihre engherzigen, einander misstrauisch beobachtenden Staaten gründeten" -, passt zu beiden ebenso wie die Tatsache, dass auf beider Werke die Erfahrung des Krieges maßgeblich Einfluss hatte. Doch im Unterschied zu Kis, der mit Kinderaugen und durch das Vergrößerungsglas der späten Moderne etwas nostalgisch und dekorativ die Reste des habsburgischen Menschen in einer unmenschlich gewordenen Welt findet, holt Tisma aus dieser Zeit die bloße Grausamkeit, wie sie der menschlichen Existenz in Grenzsituationen eigen ist. Kis betrauert den Zusammenbruch einer Welt, Tisma bedauert das Entstehen einer anderen, neuen Welt.

Ein wiederkehrendes Motiv in Tismas Büchern ist der Massenmord von Novi Sad 1942, begangen durch deutsche und ungarische Truppen unter Mitwirkung kroatischer, deutscher und ungarischer "Freiwilliger". Tausende Juden und Serben wurden unter dem Eis der Donau begraben. In der Titelerzählung "Ohne einen Schrei" erlebt der Protagonist dieses Geschehen halluzinativ noch einmal - am Donauufer, wohin er gekommen war, um der offiziellen Gedenkfeier aus dem Wege zu gehen. Ein Abgrund tut sich auf zwischen der friedlich-freundlichen Badeortstimmung und den Bildern der hier zehn Jahre zuvor im eisigen Wasser liegenden Berge toter Körper. Die Unlösbarkeit dieses Widerspruchs wirft ihre Schatten auf die vorangehenden Geschichten, sie behauptet die unausweichliche Grausamkeit des Lebens, auf der alle Wünsche, Leidenschaften und Bemühungen basieren.

Die Geschichten spielen zwar fast ausschließlich in der Nachkriegszeit, handeln jedoch weniger von den direkten Kriegsfolgen als von den allgemeinen Schmerzpunkten des menschlichen Daseins. Es geht um die Ausgestoßenen - um Menschen, die ihren Platz im Leben entweder verloren oder nicht gefunden haben, um jene, die wahrscheinlich in keiner Gesellschaft, zu keiner Zeit, nicht nur im kommunistischen Jugoslawien der fünfziger Jahre, einen sonnigen Platz im Leben finden können.

Die Helden sind Bewohner trister Vororte, oft Untermieter. Sie rebellieren gegen ausweglose Verhältnisse und finden doch kein Mittel, auch kein sprachliches, außer der Gewalt. Radowan liebt, betrügt und schlägt seine zweite Frau Gina - das allein unterscheidet diese Familie kaum von der Nachbarschaft. Doch liebt Radowan in Gina die Idee des unpersönlich Weiblichen, etwas, was für ihn demütig und gesichtslos sein muss. Eben deshalb quält er sie mit seiner Forderung, die "Formen ausschweifender Akrobatik" auf pornographischen Fotos nachzuahmen, während er andere Frauen "stets mit gedankenloser Gier nimmt". Nach einer Silvesterfeier prügelt er Gina in jenen Zustand ohnmächtiger Unpersönlichkeit, nach dem er jahrelang vergeblich gesucht hatte. Nach einem langen, für ihn wonnevollen Liebesakt mit seiner halbtoten Frau schläft er glücklich ein. Gina nimmt die Axt und erschlägt Radowan. Das ist keine Rache, das ist für sie der einzige Weg, ihre "Persönlichkeit" - so auch der Titel der Erzählung - zurückzuerobern.

Gewiss sind in Tismas Realismus Spuren der Romantik deutlich zu sehen. Slavica aus der Erzählung "Das reine Hemd" ist im Grunde eine femme fatale, eine Carmen, die jedoch nicht in Gestalt einer geheimnisvollen Schönheit erscheint, sondern als hungrige arme Frau, die ihre Gunst mal einem Mann der Ernährung wegen, mal einem anderen aus Zuneigung erweist. Wie die eigentliche Carmen auch, wenn wir durch die schönen Töne von Bizet und die schönen Worte von Mériméé durchblicken. Auch der sich auf Slavica mit einem Rasiermesser stürzende Liebhaber ist völlig "entromantisiert" - er ist alt, hässlich, abgekämpft. Das Böse, das einen Romantiker als etwas Interessantes und Außergewöhnliches fasziniert, das es für einen klassischen Realisten zu verstehen, d.h. zu rationalisieren und zu überwinden gilt, ist für Tisma und mit ihm verwandte Schriftsteller in seiner Objektivität und Banalität fesselnd. Dies ist weniger Ausdrucksform einer literarischen Strömung als vielmehr Konsequenz einer Lebenserfahrung im 20. Jahrhundert.

Die Stimme des Erzählers ist fast gleichgültig. Tisma folgt den inneren Bewegungen seiner Helden ohne sichtbare moralische Ansicht. In sechs von insgesamt neun Erzählungen werden Menschen zu Mördern. Je feiner und ausführlicher die Tatmotive auseinander genommen werden, desto klarer tritt die Tat in ihrer ganzen Sinnlosigkeit hervor. Ein ehemaliger Musiker, der aus gesundheitlichen Gründen seinen Beruf aufgeben musste, begleitet mit seinem Akkordeon eine Sängerin, die von ihren Kollegen in einem ländlichen Kaffeehaus zurückgelassen wurde. Zärtliche psychologische Halbtöne des Spiels, eine plötzliche innere Beziehung zwischen zwei musizierenden Menschen, das Gefühl, er müsse diese Frau vor der betrunkenen Masse schützen - all das führt unabwendbar in die Katastrophe, zum Mord ("Unwetter", vielleicht die beste Erzählung des Bandes).

Der Sinn eines jeden Mords ist genauso wenig zu entschlüsseln, wie die Möglichkeit, in einem Badeort die Sonne zu genießen und sich gleichzeitig an Tausende von toten Körpern zu erinnern. Grausamkeit ist gesichtlos, herkunftslos, unerklärbar. Sie ist die einzige Sprache, die dem Menschen bleibt, der am Rande der Welt steht oder glaubt, am Rande der Welt zu stehen. Tismas Mahnung ist ernst zu nehmen: Wenn die Welt zum Dorf wird, ist der Rand der Welt überall.

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