Schüler über Guttenberg : Geklaut ist geklaut

Unsere U-18-Autoren schreiben über den Fall Guttenberg. Leon Redinger meint: Das Internet animiert geradezu dazu, gnadenlos abzuschreiben. Was man sich aber immer bewusst halten sollte: Es wird etwas geklaut!

Leon Redinger

Es ist Montagabend, 20.30 Uhr, und ich sitze vor meinem Laptop um meine Analyse zu Lessings „Emilia Galotti“ für den Deutschunterricht möglichst schnell hinter mich zu bringen. Vor allem heute war ein sehr anstrengender Tag, bis 15.30 Uhr in der Schule, direkt im Anschluss bis 20 Uhr Fußballtraining. Ich bin mit meinen Nerven schon ziemlich am Ende und kann auch nicht mehr wirklich klar denken. Eigentlich wollte ich ja das Fußballspiel um 20.45 Uhr unbedingt gucken, das kann ich jetzt wohl knicken. Oder doch nicht?

Mit ein paar Klicks finde ich auf Google diverse Analysen zu Lessings Tragödie. Geschrieben sind sie von Studenten, Schülern und sogar Professoren; diese Analysen können ja nur gut sein. Nun stellt sich mir die Frage, was schwerer wiegt: Mein voller Vorfreude erwarteter Fußballabend – das hieße, die Analyse aus dem Netz zu holen. Oder moralisch unbestechlich sein und die Arbeit aufrichtig und ehrlich selbst zu schreiben, womit mein Fußballabend ins Wasser fiele.

Ich bin mir sicher, dass viele jugendliche Leser diese Situation kennen. Klar würden jetzt die meisten direkt sagen, dass eine lausige Deutschanalyse mir doch wohl kaum meinen Fernsehabend versauen sollte. Trotzdem sind sich viele nicht bewusst, was es denn eigentlich heißt Gedankengänge, Meinungen oder ganze Textpassagen ohne Quellenangabe einfach aus dem Netz zu ziehen. Gerade der aktuelle Fall unseres ehemaligen Verteidigungsministers zeigt, wie moralisch verwerflich es eigentlich ist, hart erarbeitete Dokumente von anderen als das eigene auszugeben. Rein theoretisch unterscheidet sich das in keiner Weise von einem Ladendiebstahl, da es letztendlich auf dasselbe hinauskommt: Es wird etwas geklaut.

Ich komme ins Straucheln. Wird es mein Lehrer merken, wenn ich meine Analyse von einem Professor aus dem Internet abschreibe? Wohl kaum. Oder doch? Das Risiko ist mir letztendlich zu groß. Ich entscheide mich, die Analyse selbst zu verfassen. Dennoch wird man meiner Meinung nach durch die Benutzung eines Computers beziehungsweise durch die Benutzung des Internet, geradezu animiert, sich die Arbeit zu erleichtern. Klar ist es sehr hilfreich, sich für die eigene Arbeit die Meinungen anderer Personen durchzulesen, aber man muss aufpassen, dass die Anregung nicht auf gnadenloses Abschreiben hinausläuft. Denn dann kann ganz schnell mal eine 6 unter der nächsten Hausaufgabe, Klausur oder Präsentation stehen. Dann wohl lieber doch mal auf Fußball verzichten. (Leon Redlinger, 16 Jahre)

 

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