Der Tagesspiegel : Wenn alle zum Sparen fahren – Schlangen vor den Polenmärkten

Karpfen und Kracher gibt’s jenseits der Oder günstiger

Claus-Dieter Steyer

Hohenwutzen. „Pro Liter 25 Cent weniger. Das macht zusammen rund 12 Euro Ersparnis.“ Der Autofahrer aus Berlin blickt zufrieden auf die Preistafel der Tankstelle auf dem polnischen Oderufer bei Hohenwutzen. Allerdings war für dieses Schnäppchen viel Geduld gefragt. Denn selbst an den Weihnachtstagen herrschte an diesem Grenzübergang am Ende der Bundesstraße 158 reger Verkehr mit Wartezeiten zwischen 30 und 90 Minuten. Er ist neben Küstrin/Kostrzyn und Frankfurt (Oder) die von Berlin aus am günstigsten erreichbare Grenzpassage. Vom Stadtrand braucht der Autofahrer bis Hohenwutzen etwas mehr als eine Stunde.

Damit sich der Ausflug auf den Grenzmarkt bei dieser Entfernung aber tatsächlich lohnt, reicht für die meisten Besucher der Abstecher zur Tankstelle nicht aus. Kräftig gespart werden kann auch beim Kauf von Zigaretten, die hier etwa um ein Drittel billiger sind. Den Silvesterkarpfen gibt es bereits zu einem Kilo-Preis von 3,50 Euro. In Brandenburg berechnen Händler und Fischer bis zu 5,50 Euro pro Kilogramm. Die meisten der auf den Grenzmärkten angebotenen Karpfen kommen aus den umliegenden Dörfern jenseits der Oder. Hier sind die Lohnkosten niedrig und die Transportwege kurz.

Käse, Wurst und Gänsefleisch füllen ebenfalls die Tüten der deutschen Gäste. Allerdings herrscht an den Ständen längst nicht mehr so ein Gedränge wie noch vor Jahren. Die einstmals so gefragten Textilien, Korbwaren, Hausschuhe oder CDs, Videos und Musikkassetten bleiben heute liegen. Die Preise in den deutschen Billig-Supermärkten können die polnischen Händler kaum noch unterbieten. Außerdem muss für Raubkopien heute niemand mehr auf die Märkte in Polen fahren. Gefragt sind höchstens noch Jacken, T-Shirts und Pullover mit den Aufdrucken „Diesel“, „Boss“ oder „Everlast“. Auch Sportschuhe mit den Adidas- und Nike-Symbolen finden ihre Käufer. Allerdings dürfte spätestens nach dem ersten Waschen oder dem ersten Schuhputz der Schwindel auffliegen, wenn die Artikel ihre wahre Herkunft offenbaren. Das triff auch auf die Fußball-Fan-Artikel zu. Am Stand sehen Schals, Trikots und Wimpel mit Aufdrucken von „Bayern München“, „Hertha BSC“ allerdings ganz echt aus.

Viele Zigarettenverkäufer bieten auf ihren Tischen schon seit Anfang Dezember Silvesterknaller an. Wie berichtet, ist deren Einfuhr nach Deutschland streng verboten. Schließlich stammen die meisten Sprengkörper, die mitunter die Kraft einer Handgranate übersteigen, aus China oder aus Werkstätten in Osteuropa. Sie besitzen keine Gebrauchsanleitung in deutsch und sind durch kein amtliches Labor geprüft worden. Dennoch läuft das Geschäft mit den Raketen gut. Die Kontrollen des Zolls an den Grenzübergängen beschränken sich auf Stichproben.

Wer auf den Märkten einkaufen oder tanken will, kann überall in Euro bezahlen. Obwohl sämtliche Preisschilder nur die Gemeinschaftswährung enthalten, nehmen die Händler natürlich auch die heimischen Scheine und Münzen an. Meistens lohnt sich der Umweg über die Wechselstuben, denn mit Zlotys ist der Spareffekt nicht nur an der Zapfsäule noch größer.

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