Der Tagesspiegel : Wie Fontane die Kirchen im Dorf ließ

Ein neuer Fotoband über Brandenburgs alte Gotteshäuser

Helmut Caspar

Potsdam. Alte Gemäuer übten auf Fontane eine besondere Anziehungskraft aus, und schon zu seiner Zeit hatte die Mark Brandenburg daran keinen Mangel: „Du wirst Schloss- und Klosterruinen auffinden, von denen höchstens die nächste Stadt eine Ahnung, eine leise Kenntnis hatte“, schwärmte er. „Du wirst inmitten alter Dorfkirchen, deren zerbröckelter Schindelturm nur auf Elend deutete, große Wandbilder oder in treppenlosen Grüften reiche Kupfersärge mit Kruzifix und vergoldeten Wappenschildern finden.“

Solche Versprechungen wecken die Entdeckerfreude. Mit Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ als Leitfaden machten sich die Fotografin Christel Wollmann-Fiedler und der Autor Jan Feustel auf den Weg. Schon über die alten Berliner Dorfkirchen hatten sie vor einiger Zeit ein Buch vorgelegt. Diesmal nun umrundeten sie mit einem Gespür für ungewohnte Perspektiven und unterhaltsame Episoden alte Brandenburger Gotteshäuser, stiegen ihnen aufs Dach, ließen sich Grüfte öffnen, schauten hinter Altäre, entzifferten Inschriften und ergänzten, was selbst Fontane bisweilen übersehen hatte. So entstand ein lesens- und sehenswerter Reiseführer, besser gesagt ein Verführer zum Reisen und zum Schauen.

Das Buch wurde analog zu den „Wanderungen“ in die Kapitel Ruppiner Land, Oderland, Havelland sowie Spreeland/Fünf Schlösser gegliedert. Etwa 40 Kirchen zwischen Altfriedland und Wustrau wurden ausgewählt. Feustel geht der Baugeschichte nach, schildert Glücks- und Unglücksfälle, beschreibt wertvolle Ausstattungsstücke. Zum Blick in die Vergangenheit kommt der in die Gegenwart, denn viele der vom Romancier beschriebenen Bauten befinden sich in einem schlimmen Zustand, und es gab auch viele Veränderungen und Erweiterungen, auf die das Buch näher eingeht. Und manche der noch von Fontane beschriebenen Kirchen gibt es gar nicht mehr.

Der Band unterscheidet sich wohltuend von den üblichen streng wissenschaftlichen Denkmal-Inventaren. Denn Fontane erlaubte sich zu fabulieren und recht freihändig Fakten und Fiktionen zu verquicken. Doch ist es gerade die von kunsthistorischem Fachwissen ungetrübte Sicht, die den Charme der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ausmacht. Wollmann-Fiedler und Feustel haben diesen Weg weiter beschritten und bringen so mit leichter Feder und guten Fotos ein Stück märkischer Kultur- und Kirchenlandschaft nahe.

Christel Wollmann-Fiedler/Jan Feustel: Fontanes Lieblingskirchen in der Mark. Berlin Edition im Quintessenz Verlag 2003, 152 Seiten, 24,80 Euro

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