Wirtschaft : 550 Stellen bei Bombardier in Gefahr

Bahntechnik-Konzern will weitere Kapazitäten in Hennigsdorf abbauen, weil die Aufträge der Bahn ausbleiben

Dieter Fockenbrock,Bernd Hops

Berlin - Beim Bahntechnikhersteller Bombardier droht ein weiterer Abbau von Arbeitsplätzen. Allein im größten deutschen Werk Hennigsdorf bei Berlin sind nach Angaben der Gewerkschaft IG Metall noch einmal bis zu 550 Arbeitsplätze in Gefahr. Zurzeit gibt es in Hennigsdorf 2400 Stellen. Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte dem Tagesspiegel, dass es „Verhandlungen mit den Vertretern der Arbeitnehmer“ gebe. In allen Bombardier-Werken werde derzeit die Auslastung überprüft.

Bombardier-Deutschland-Chef Klaus Baur hatte erst vor wenigen Tagen die Mitarbeiter in Hennigsdorf auf einer Betriebsversammlung über die Pläne des kanadischen Konzerns informiert. Beim zweiten großen deutschen Bahntechnikkonzern, Siemens, seien dagegen keine großen Einschnitte geplant, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel.

Hintergrund möglicher weiterer Stellenstreichungen in der Bahntechnikindustrie sind ausbleibende Aufträge der Verkehrsunternehmen – allen voran fehlende Aufträge der Bahn AG, die rund die Hälfte der Werksauslastung deutscher Lok- und Waggonbauer ausmacht. Nach Angaben von Michael Clausecker, Hauptgeschäftsführer der Verbands der Bahnindustrie, ist gerade Bombardier in hohem Maße von Aufträgen für Regionalverkehrs-Fahrzeuge abhängig. S-Bahnen und elektrische Triebfahrzeuge für den Regionalverkehr werden vor allem in Hennigsdorf gebaut, Doppelstock-Waggons im Werk Görlitz.

„Eigentlich müsste es jetzt einen Boom für die Branche geben“, sagt Clausecker, weil alle großen Verkehrsverbünde ihre Verträge mit der Bahn AG abgeschlossen hätten (siehe Kasten). Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) hat im Sommer die Bahn für weitere 15 Jahre mit der Durchführung des Schienennahverkehrs in seiner Region beauftragt. In dem Vertrag wurden vom VRR Investitionen in neue Fahrzeuge im Wert von 400 Millionen Euro festgeschrieben. Und vor knapp zwei Wochen wurde ein Verkehrsvertrag für Bayern abgeschlossen, der bis 2013 läuft. Auch hier wurde vereinbart, dass die Bahn verstärkt neue Fahrzeuge zum Einsatz bringt – Investitionsvolumen 675 Millionen Euro, 50 Prozent davon als Zuschuss des Landes. Aber es dauert offenbar, bis aus den Vereinbarungen tatsächlich Aufträge für die Bahnindustrie werden.

Der weitere Stellenabbau bei Bombardier würde das ohnehin laufende Sanierungsprogramm in der Bahntechnik noch verschärfen. Im März hatte Bombardier bereits angekündigt, 1500 der 9000 Arbeitsplätze in Deutschland zu streichen und das Werk Halle-Ammendorf mit damals rund 800 Beschäftigten komplett zu schließen. Ende 2005, nach Abwicklung laufender Aufträge, soll in Ammendorf der letzte Waggon fertiggestellt werden. Europaweit will Bombardier im Zuge des Programms sieben der 35 Fabriken aufgeben, 6600 Stellen werden in diesem Zusammenhang gestrichen.

Die Kanadier leiden nicht nur unter dem Mangel an Bestellungen für Loks und Waggons. Bombardier hatte in den zurückliegenden Jahren auch zahlreiche Konkurrenten und damit zu viele Werke verstreut über ganz Europa übernommen. Die Kanadier kauften unter anderem Talbot in Aachen, die ostdeutsche DWA und Adtranz von Daimler-Chrysler. Jetzt muss sich der Konzern auf wenige Standorte konzentrieren, um die Kosten zu senken. Die Adtranz-Übernahme hatte sogar zum Streit vor einem internationalen Schiedsgericht geführt. Bombardier wollte nicht mehr den 2001 vereinbarten Kaufpreis von 725 Millionen Euro bezahlen, weil das Unternehmen nachträglich den Wert von Adtranz bezweifelte. Mit Daimler-Chrysler einigte sich Bombardier erst vor wenigen Tagen, den Kaufpreis um 170 Millionen Euro zu reduzieren.

Bei Siemens Transportation sieht es im Vergleich zu Bombardier besser aus – auch wenn die Sparte, vor allem wegen der Probleme mit Combino-Straßenbahnen, zuletzt in die roten Zahlen gerutscht war. „Der Markt in Deutschland ist sicher schwierig“, sagte Unternehmenssprecher Joachim Stark. Dafür sei man aber im Ausland erfolgreich. „Wir kommen zurecht.“ Marktlage und Auslastung seien „nicht durchgängig schlecht“. Es gebe bei den Werken „höchstens kleinere Arrondierungen“. Weitere Maßnahmen seien derzeit nicht geplant, sagte der Siemens-Sprecher.

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