Autokartell : Tod des Mythos Deutschland AG

Das Kartell der Autoindustrie stellt das Selbstverständnis einer Industrienation infrage. Und die Politik schweigt. Ein Kommentar.

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Nicht mehr nur ein Wolfsburger Skandal. Nach den jüngsten Enthüllungen zum Kartell in der Autoindustrie ist der gesamte Standort Deutschland diskreditiert. Das Foto zeigt das VW-Stammwerk in Wolfsburg.
Nicht mehr nur ein Wolfsburger Skandal. Nach den jüngsten Enthüllungen zum Kartell in der Autoindustrie ist der gesamte Standort...Foto: Kevin P. Hoffmann

Noch eine Enthüllung, noch ein Puzzleteil: Fünf deutsche Autohersteller sollen geheime – womöglich illegale – Absprachen über Technik, Kosten, Zulieferer und sogar die Abgasreinigung ihrer Dieselfahrzeuge getroffen haben. Das wäre Betrug an Konkurrenten, Lieferanten und an Millionen Kunden. So ergänzt sich das ganze Bild, das Bild von der faulenden „Deutschland AG“, zu der auch die Finanz- und Energiekonzerne gehören, Maschinenbau-, Chemieunternehmen. Die größten Arbeitgeber der Republik. Unsere Arbeitgeber.

Zu lange sah man nur den Teil, der glänzt: Produkte, die wegen ihrer Qualität, der Ingenieurskunst, dem Ideenreichtum gefragt sind in aller Welt. So viele Erfolge der Hochkonjunktur in der Ära Angela Merkel, fast täglich neu belegt durch Exportstatistiken und Rekordgeschäftszahlen.

Die dunklen Teile des Bildes werden mit jeder Enthüllung seit der Lux-Leaks-Affäre, den Panama-Papers, dem CumEx-Skandal und dem Diesel-Gate sichtbarer. Zu lange hat man diese nur als Bildstörungen wahrgenommen. Wer diese Enthüllungen ausbreitete, war ein Nestbeschmutzer. Wer auf VW, Siemens, Daimler und Deutscher Bank rumhackt, beschädigt doch „unsere“ Unternehmen, an denen wir als Aktionäre beteiligt sind, unsere Arbeitgeber, unsere Arbeit. Er stänkert gegen uns!

Deutscher Patriotismus definiert sich über die Wirtschaftskraft

Diese Selbstdemontage der Deutschland-AG tut weh. Denn der kleinste gemeinsame Nenner des deutschen Patriotismus ist nicht etwa der Stolz auf die Verfassung, wie von Jürgen Habermas et al. beschrieben. Der deutsche Patriotismus speist sich heute vor allem aus der Wirtschaftsleistung, aus dem Bruttoinlandsprodukt. Er ist das Ergebnis einer kollektiven Leistung, auf die auch Linke stolz sein können, weil dieser Patriotismus entkoppelt ist vom Völkischen, da er alle, die hier leben und arbeiten, einschließt: Migranten, ihre Kinder und Enkel.

Doch nichts ist überlegen an einem Wirtschaftsmodell, in dem sich herausstellt, dass sogar die Sparkasse von nebenan mitgemacht hat bei den CumCum-Geschäften. Nichts ist ehrenhaft daran, wenn quasi alle heimischen Autohersteller mitgemacht haben bei Mauscheleien um die Größe von Harnstoffgemischtanks, um den Schadstoffausstoß zu begrenzen. Wenn bewiesen wird, dass die wichtigsten deutschen Unternehmen Erfolge nur durch Tricksen, Täuschen und Blenden erreichen, dann ist der Mythos Deutschland AG tot. Dann weiß alle Welt, man kann genauso gut in China, Korea oder Indonesien kaufen.

Union und SPD haben kein Interesse an dem Thema

Erschreckend, aber erklärbar ist, dass die politischen Reaktionen auf die Enthüllungen verhalten ausfallen. Keine andere Industriebranche ist so eng mit der Politik verstrickt. Die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD haben null Interesse, dieses Depri-Thema im Wahlkampf breitzutreten.

Man könnte schulterzuckend akzeptieren, dass es in diesem Land kaum besser zugeht als in einer Bananenrepublik. Oder man schickt jeden Manager, Beamten und Politiker, der nachweislich schon länger vom mutmaßlichen Kartell wusste, in die Wüste. Das wäre unbequem, aber die einzige Lösung, will man das positive Selbstverständnis der Industrienation retten.

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