Wirtschaft : Bahn fürchtet Regress-Lawine

Konzern rechnet mit Entschädigungszahlungen an die Kunden in Millionenhöhe. Züge werden unpünktlicher

Bernd Hops

Berlin – Die Bahn rechnet offenbar mit erheblichen Belastungen durch die Entschädigungen für Verspätungen, die sie nach der neuen Kundencharta (siehe Kasten) zahlen muss. In Unternehmenskreisen hieß es, für die Jahre 2004 bis 2009 sei ein Mindestrisiko von insgesamt 600 Millionen Euro einkalkuliert worden. Bei einer schlechten Pünktlichkeitsquote könne die Belastung jedoch durchaus noch wachsen. Außerdem ist die Fernverkehrssparte – trotz einer groß angelegten Sonderpreisaktion – auch im August weiterhin hinter den meisten Zielen zurückgeblieben. Das geht aus Konzernunterlagen hervor, die dem „Tagesspiegel am Sonntag" vorliegen. Trotz des verschobenen Börsengangs treibt die Bahn daher Sparpläne etwa bei den Reisezentren und den Zugbegleitern voran.

Der Fernverkehr ist einer der größten Verlustbringer für die Bahn. Im vergangenen Jahr war die Sparte wegen der missglückten Preisreform tief in die roten Zahlen gerutscht – und hat sich bisher nur sehr langsam erholt. Die Bahn rechnet laut internen Unterlagen bis Jahresende mit einem Betriebsverlust von rund 258 Millionen Euro, geplant war ursprünglich ein Minus von 137 Millionen Euro nach minus 456 Millionen Euro im Vorjahr.

Daneben bereitet die mangelnde Pünktlichkeit der Züge Probleme. Geplant war für dieses Jahr, dass mindestens 85 Prozent der Züge nicht mehr als fünf Minuten vom Fahrplan abweichen. Nach einem guten Start in den ersten Monaten des Jahres haben die Werte seit April kontinuierlich nachgelassen und liegen mittlerweile deutlich unter 85 Prozent. Eine wesentliche Verbesserung sei zurzeit nicht zu erkennen, heißt es in Unternehmenskreisen. Trotz der 29-Euro-Tickets, die diesen Sommer verkauft wurden, fuhren im August laut Konzernunterlagen immer noch weniger Menschen in den ICEs und ICs als von der Bahn geplant – statt 10,4 nur 10,1 Millionen.

In den ersten acht Monaten des Jahres hat der Fernverkehr mit insgesamt 76,4 Millionen Menschen im Vergleich zum sehr schwachen Vorjahr keine zusätzlichen Kunden gewinnen können. Die Pläne wurden damit um 7,1 Prozent verfehlt. Doch die Kunden fuhren offenbar längere Strecken, denn die Zahl der Personenkilometer legte bis August im Vergleich zu 2003 um rund zwei Prozent auf 391,7 Millionen zu. Dennoch wurden die Vorgaben um fünf Prozent verfehlt. Bis zum Jahresende rechnet die Bahn sogar teilweise mit einer leichten Verschlechterung des Trends. Der Außenumsatz ist gleichzeitig im Vergleich zum Vorjahr bis August nur um 0,4 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro gewachsen, obwohl im April die Ticketpreise im Fernverkehr im Schnitt um 3,4 Prozent angehoben wurden. Auch bis Dezember wird mit keinem Umsatzschub gerechnet.

Dass sich das Ergebnis der Bahn trotzdem verbessert, liegt insbesondere daran, dass die Kosten gesenkt wurden. Im Vergleich zu den ersten acht Monaten 2003 ist der Wert in diesem Jahr um 13,4 Prozent gefallen, zum Jahresende soll die Quote bei 16 Prozent liegen. Dazu trägt bei, dass weniger Züge fahren und der Personalabbau schneller vorankommt als geplant. Am Ende des Jahres rechnet die Deutsche Bahn im Fernverkehr mit 16 280 Beschäftigten nach mehr als 24 000 im vergangenen Jahr. Bei den Zugbegleitern und Gastronomiemitarbeitern ist laut Unternehmenskreisen jeweils die Streichung von Jobs im dreistelligen Bereich geplant.

Ein Großteil der Reduzierung ist allerdings zurückzuführen auf den Verkauf von Tochterunternehmen wie dem Caterer Mitropa. Außerdem bereitet die Bahn weiterhin starke Einschnitte bei den Reisezentren vor – und hat ihre Pläne sogar noch gegenüber denen, die im vergangenen Frühjahr bekannt wurden, verschärft. Ende 2003 gab es bundesweit noch 592 der bahneigenen Ticketverkaufsstellen, Ende 2005 sollen es nach der aktuellen Planung laut Tagesspiegel-Informationen nur noch 442 sein. Dabei ist offen, wie viele Zentren geschlossen und wie viele an die bisherigen Mitarbeiter verpachtet werden. Ende 2005 sollen in jedem Fall nur noch 3038 Reiseberater auf den Lohnlisten der Bahn stehen. Ende 2003 waren es noch knapp 4000.

Gleichzeitig deutet sich an, dass es im kommenden Jahr wesentlich weniger Bahnagenturen in Reisebüros geben wird. Nach Informationen aus Unternehmenskreisen lehnen zurzeit etwa 90 Prozent der Reisebüros, die bisher für die Bahn Tickets verkauft haben, die ab dem nächsten Jahr laufenden neuen Verträge mit deutlich reduzierten Vergütungen ab.

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