Wirtschaft : Benzin wird noch teurer

Neue Preisrunde: Ein Liter Super kostet im Bundesschnitt 1,42 Euro/Politik streitet über den Einsatz strategischer Reserven

Bernd Hops

Berlin - Der Benzinpreis an deutschen Tankstellen hat erneut Rekordniveau erreicht. Am Donnerstag läutete der Konzern Total die nächste Preisrunde ein und verlangte bei Benzin vier Euro-Cent und bei Diesel zwei Cent je Liter mehr. Aral, Esso und Shell folgten. Dabei waren die Preise erst am Mittwoch teilweise um acht Cent angehoben worden. An Markentankstellen kostet ein Liter Super damit im Bundesdurchschnitt rund 1,42 Euro und Diesel 1,18 Euro.

Branchenexperten erwarten noch weitere Steigerungen. „Die Margen sind bei weitem noch nicht auskömmlich“, sagte Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst (EID) dem Tagesspiegel. Noch immer schreiben viele Stationen rote Zahlen. Eher sei ein Preis von 1,50 Euro das Ziel, sagte Wiek. Helmut Buchmann vom Fachdienst Oil Market Report (OMR) rechnet mit einer Erhöhung von weiteren zwei bis vier Cent je Liter in den nächsten Tagen, weil die Einkaufskosten an den Börsen schneller gestiegen sind als die Tankstellenpreise. Im August war nach Branchenangaben die Marge – der Preisanteil für Transport, Bevorratung, Verwaltung, Vertrieb und Gewinn – bei Benzin auf 6,7 Cent je Liter gefallen. Normalerweise liegt der Wert bei etwa neun Cent.

Die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet damit, dass das teure Öl das Wachstum im Euroraum belastet. Die Notenbank ließ die Zinsen erneut unverändert. „Die ungewöhnlich niedrigen Zinsen unterstützen das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone erheblich“, sagte EZB-Chef Jean-Claude Trichet.

In den vergangenen Wochen haben die Benzinnotierungen an der Leitbörse Rotterdam stark angezogen. Kostete Ende Juli eine Tonne des Treibstoffs noch knapp 590 Dollar, lag der Preis am Donnerstag bei 850 Dollar. Allein seit Ende vergangener Woche ist der Preis um mehr als 100 Dollar gestiegen. Der Grund für den Preissprung ist die Sorge, der Produktionsausfall in US-Raffinerien durch den Hurrikan „Katrina“ könnte zu einer allgemeinen Verknappung des Treibstoffs führen. Außerdem hat der Ölpreis zwischenzeitlich mit fast 71 Dollar je Barrel (159 Liter) in New York zuletzt einen Rekordstand erreicht. Am Donnerstagabend pendelte er um die 69 Dollar. Derzeit sind noch 423 Ölplattformen im Golf von Mexiko evakuiert, zu Beginn des Sturms galt dies für 645.

In Deutschland forderten deshalb Union und FDP, das Anzapfen der strategischen Reserven (siehe Kasten) zu prüfen, nachdem dies die US-Regierung angekündigt hatte. Kanzlerkandidatin Angela Merkel sagte: „Das sollte auch in Deutschland kein Tabu sein.“ Und FDP-Chef Guido Westerwelle sagte, der Einsatz der Reserve sei „eine kluge und sinnvolle Möglichkeit“. Das Bundeswirtschaftsministerium lehnte das ab. Es gebe keine Notwendigkeit für diese Maßnahme. Auch die Mineralölwirtschaft sagte, die Freigabe der Reserven würde nicht helfen. Auf den Märkten sei genug Öl. Die hohen Preise seien vor allem auf Spekulationen zurückzuführen.

Auch die Internationale Energieagentur (IEA), die für die Koordination der strategischen Reserven der großen Industrieländer zuständig ist, will zunächst abwarten. Man stehe mit allen Mitgliedern in engem Kontakt, sagte Klaus Jacoby, Leiter der Krisenplanung der IEA, dem Tagesspiegel. Klar sei, dass es durch den Hurrikan einen Versorgungsausfall gegeben hat. Ein Schadensbericht sei aber erst diesen Freitag zu erwarten. „Wenn wir genauer wissen, wie groß die Versorgungslücke ist, werden wir entscheiden, ob es notwendig ist, eine Ausweitung der Lücke zu verhindern“, sagte Jacoby. Ein Aktionsplan könne aber innerhalb von 48 Stunden beschlossen werden.

Die Öl- und Benzinmärkte hängen weltweit zusammen. Lücken in den USA werden zum Beispiel durch Lieferungen aus Europa geschlossen. Mit einer Normalisierung der Produktionslage in der Region um den Golf von Mexiko wird erst in den kommenden Wochen gerechnet.

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