Berliner Immobilien : Ärger mit der Gagfah

Berliner Mieter sollen ihre Wohnungen kaufen – doch die Bedingungen des Immobilienkonzerns Gagfah finden sie ungeheuerlich.

Stefan Kaiser

Berlin Die Immobilienfirma Gagfah liegt mit Berliner Mietern im Streit. Sie hat den Bewohnern einer Zehlendorfer Siedlung ihre Wohnungen zum Kauf angeboten. Doch denen gefallen die Geschäftspraktiken der Gagfah gar nicht. Die Mieter werfen der Gagfah vor, eine Verschleierungstaktik zu betreiben. Sie fordern mehr Informationen von dem ehemals bundeseigenen Unternehmen, das seit 2004 mehrheitlich dem amerikanischen Finanzinvestor Fortress gehört. Deshalb haben sich mehr als 60 Bewohner zur Bürgerinitiative „Grundrecht Wohnen“ zusammengeschlossen.

Zu ihnen gehört Brigitte Paul. „Wir würden prinzipiell alle gerne kaufen, wenn alles offengelegt wäre“, sagt die 65-Jährige. Sie lebt seit 1968 zusammen mit ihrem Mann im Eschershauser Weg. Gerhard Pauls Eltern waren hier schon 1931 eingezogen, unmittelbar nach Errichtung der Wohnsiedlung. „Damals fuhr die U-Bahn noch nicht mal bis hier heraus“, erinnert sich Gerhard Paul an seine Kindheit. Nun hätten die Pauls die Chance, endlich auch Eigentümer ihrer Wohnung zu werden. Im November 2006 hat ihnen die Gagfah die Wohnung zum Kauf angeboten – ein Vorzugsangebot, wie es hieß.

Auch die anderen 374 Mietparteien haben solche Kaufangebote bekommen. Doch viele von ihnen hatten Fragen, die sie bis heute nicht beantwortet sehen. So wollen sie zum Beispiel genauer über Bausubstanz und Wert der Immobilien informiert werden und haben schon früh nach den entsprechenden Gutachten gefragt. Immer wieder wandten sie sich mit Briefen an die Gagfah. Bisher ohne Erfolg. „Die Mieter und potenziellen Käufer wohnen teilweise seit Jahrzehnten in ihren Wohnungen und wissen über den Zustand ihrer Wohnung und des Hauses bestens Bescheid“, sagt Gagfah-Sprecher Torsten Tragl. „Der Eigentumswohnungsmarkt ist transparent, und deshalb kann jeder Mieter entscheiden, ob er seine Wohnung zu dem von uns angebotenen Preis erwerben möchte.“

Das sehen die Mieter anders. „Wir haben nicht mal ein Exposé bekommen, das normalerweise üblich ist“, sagt Irene Wagner, die Organisatorin der Initiative. Sie vermutet, dass die Gagfah den wahren Wert der Bausubstanz und notwendige Sanierungsarbeiten verschleiern will. Die Gagfah hält dagegen: „Die Wohnanlage ist in einem technisch einwandfreien Zustand“, sagt Sprecher Tragl und verweist darauf, dass unter den bisher etwa 100 Käufern für die Wohnungen auch Bauingenieure und Architekten seien, die die Wohnungen eingehend geprüft hätten. Zudem habe sich das Unternehmen zu umfangreichen Erneuerungsmaßnahmen an den Häusern verpflichtet, für die es alle Kosten selbst übernehme. Dazu gehören etwa die Fassadenreinigung, neue Treppenhausanstriche, Haustüren und Briefkästen. Doch gerade mit diesen Arbeiten sind die Mieter unzufrieden. Und auch die, die schon einen Kaufvertrag unterschrieben haben, klagen über Mängel. Einige von ihnen haben sich mittlerweile der Initiative angeschlossen. Auch weil sie sich darüber ärgern, dass sie noch immer nicht als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen wurden, obwohl sie bereits vor Monaten den Kaufpreis auf ein Treuhandkonto überwiesen haben.

Die Bewohner trauen dem Unternehmen nicht. Die Initiative hat nun Geld für ein externes Gutachten gesammelt, das den Wert der Wohnungen klären soll. Nun warte man darauf, dass die Gagfah die notwendigen Informationen rausrücke, sagt Wagner. Prinzipiell würden sie gerne die Wohnungen kaufen – auch, weil sie starke Mieterhöhungen befürchten. Für einzelne Wohnungen der Anlage hat die Gagfah zum 1. Dezember bereits Erhöhungen um fast 15 Prozent angekündigt. Die Mieter fühlen sich dadurch hintergangen. Im Juni hatte Gagfah-Chef Burkhard Drescher im Tagesspiegel noch Mietsteigerungen von durchschnittlich ein bis 1,5 Prozent in Berlin angekündigt. Dies hatten die Mieter auch auf ihre Wohnungen bezogen. Die Gagfah verweist darauf, dass die Zahl nur als Durchschnitt für den Gesamtbestand von rund 28 000 Berliner Wohnungen zu verstehen sei. Die Mieter wollen sich damit nicht zufriedengeben.

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