Berliner Wirtschaft : Bewährungsprobe im Strandhotel

Lehrlinge im Türkei-Praktikum: Sie berichten von Auszeichnungen und Ausbeutung

Sigrid Kneist

Die Auszeichnung ist etwas Besonderes. Mitarbeiter des Monats! Unter hunderten Kollegen. Mecnun Yildirim ist stolz. Die Ehrung hat er erhalten, obwohl er in der Hierarchie des Fünf-Sterne-Ferienhotels Delphin Diva in Antalya ziemlich weit unten steht. Yildirim ist Praktikant und stammt aus Kreuzberg. Vor zwei Jahren hätten nur wenige erwartet, den heute 20-Jährigen, der selbstbewusst die Hoteluniform aus schwarzer Hose, weißem Hemd und roter Krawatte trägt und das Walkie-Talkie stets empfangsbereit hält, so erfolgreich zu sehen.

Mecnun gehört zu den Teilnehmern des Projekts des Bildungswerks Kreuzberg (BWK) „Ausbildung zu Hotelfachleuten mit interkulturellem Schwerpunkt“. Die Maßnahme richtet sich an junge Hartz-IV-Empfänger, die auf dem regulären Ausbildungsmarkt keine Chance haben. Viele von ihnen kommen aus Kreuzberg. Die Mehrheit ist türkischstämmig. Das Besondere an der Ausbildung sind zwei je dreimonatige Praktika in der Türkei, die die Azubis jetzt dort absolviert haben. Damit sollen die „interkulturellen Fähigkeiten“ von Jugendlichen mit Migrationshintergrund genutzt werden und die internationalen Erfahrungen später die Vermittlungschancen auf dem ersten Arbeitsmarkt verbessern, sagt BWK-Chef Nihat Sorgec. Mecnun und seine Kollegen aus den ersten beiden Ausbildungsjahrgängen arbeiteten im Sommer in den großen Strandhotels von Antalya. Als Pagen, in der Gästebetreuung, im Service, an der Rezeption. Wenn in einem 2000-Betten-Haus an einem Tag mehr als 250 Gäste auschecken und 400 Neuankömmlinge begrüßt werden und die Sonne brennt, sind das verschärfte Arbeitsbedingungen.

Mecnun hatte als Gästebetreuer damit kein Problem. Auch nicht mit unangenehmen Situationen – wenn er etwa alkoholisierten Gästen klarmachen musste, dass das All-inclusive-Angebot zwar Alkoholausschank rund um die Uhr, aber nicht Saufen bis zum Umfallen bedeutet. Mecnun wusste, was auf ihn zukommt, er war bereits zum zweiten Mal zum Praktikum in der Türkei.

Ebenso wie Sebati Süer. Zuvorkommend begrüßte der schlanke 20-Jährige die Touristen, kümmerte sich um ihr Gepäck, gab Auskünfte. Sein Lächeln war der erste Eindruck, den die Gäste von ihrem Urlaubsdomizil im rund 40 Kilometer von Antalya entfernten Kemer bekamen. Der Direktor des luxuriösen Ak-ka-Hotels, hinter dem das Taurusgebirge in die Höhe ragt, ist voll des Lobes. „Wir sind mehr als zufrieden“, sagt Sami Kaplanci. Das gelte auch für die zweite Praktikantin aus Berlin, die 21-jährige Gamze Tumacilar, die den Sommer über an der Rezeption arbeitete. Mit seiner Einschätzung steht er nicht alleine da. „Wenn man die jungen Leute sieht, vergisst man, dass es sich um Benachteiligtenförderung handelt“, sagt Ingeborg Niemitz, Direktorin des OSZ Gastgewerbe in Weißensee.

Murat Mermeroglu ist gleichermaßen angetan; er betreute die Kreuzberger im Jobcenter. „Wenn die Jugendlichen es aber nicht selber wollen, hat es keinen Sinn“, sagt er. Das Jobcenter zahlt pro Teilnehmer rund 670 Euro monatlich, hinzu kommen die Ausbildungsvergütung von knapp 300 Euro und eventuell weitere Hartz-IV-Leistungen. 2009 will Hoteldirektor Kaplanci auf jeden Fall wieder Praktikanten des BWK nehmen.

Das Projekt bringt aber nicht nur Erfolgsgeschichten mit sich. Einige Lehrlinge hielten nicht durch: 44 Jugendliche waren in die Türkei gekommen, nach dem Ende der drei Monate waren noch 36 da. Projektleiter Rainer Fink schickte eine junge Frau nach Hause – die Arbeitsmoral habe nicht gestimmt. Auch die türkischen Berufsschullehrer klagten: Einige Jugendliche hätten den Unterricht nicht richtig ernst genommen und wähnten sich eher im Urlaub als im Praktikum.

Manche Teilnehmer haben aber ihrerseits eine Menge auszusetzen. Die Betreuer seien nicht ständig erreichbar gewesen, manche Unterkünfte fanden sie unzumutbar, mit Schimmel an den Wänden. Hotels hätten die billige Arbeitskraft ausgenutzt und die Azubis nicht ihrer Qualifikation entsprechend eingesetzt: „Ein Praktikant wurde monatelang nur als Poolaufsicht an der Rutsche beschäftigt.“ Die Männer traten zügig in die Gewerkschaft NGG ein, „um unsere Rechte durchzusetzen“, sagen sie.

Projektleiter Fink und die Ausbildungsleiterinnen erzählen die Geschichte anders. Der junge Mann, der Dienst am Pool schieben musste, sei schon aus fünf Hotels rausgeflogen. Die Arbeit an der Rutsche war die letzte Bewährungsprobe. Die Betreuer wissen aber auch, dass manche Personalunterkünfte problematisch sind: bis zu sechs Betten auf engstem Raum, keine Klimaanlage bei Außentemperaturen um 40 Grad. „Da muss was getan werden“, sagt Ausbildungsleiterin Margret de Miéville. Nach diesen Schilderungen schaut die Gewerkschaft jetzt kritisch auf die Maßnahme. Marco Steegmann vom DGB ist skeptisch, ob sie erfolgreich sein kann: „Ein Projekt kann funktionieren, muss aber nicht.“

Für Sebati Süer zumindest hat es funktioniert. Nach der Rückkehr aus der Türkei setzt er seine Lehre regulär im Swissôtel fort, dem Fünf-Sterne-Haus am Kurfürstendamm – auch wenn Personalchefin Heike Traut darauf bestand, die Lehrzeit um ein halbes Jahr zu verlängern. „Für mich ist es nicht unbedingt wichtig, ob Auszubildende Abitur haben“, sagt Traut. „Die Ausstrahlung zählt ebenso.“

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