Einzelhandel : Jeder vierte Euro von einem Touristen

Viele kommen mit Billigfliegern nach Berlin. Der Einzelhandel profitiert immens von den Besuchern. Aber nicht überall.

Cay Dobberke
Einzelhandel
Der Einzelhandel blüht in Berlin vor allem in den Einkaufzentren. -ddp

BerlinNils Busch-Petersen lässt keinen Zweifel: "Ohne die Touristen ginge es uns verdammt schlecht“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Während die Kaufkraft innerhalb der Stadt weiterhin sinke, gleichen Gäste aus dem In- und Ausland dieses Manko zunehmend aus.

Mehr noch. "Touristen sind der entscheidende Wirtschaftsfaktor“, sagt Busch-Petersen. Nach jüngsten Schätzungen machen Berlins Einzelhändler schon fast ein Viertel ihres Umsatzes mit Touristen. 2007 gaben diese 2,9 Milliarden Euro aus. Das entspricht einem Umsatzanteil von 23,5 Prozent. Vor zehn Jahren waren es erst 15 Prozent. Tendenz: weiter steigend.

Besucherzahlen steigen stetig

Passend dazu verzeichnet die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) immer neue Besucherrekorde und erwartet, dass die Zahl der Hotelübernachtungen bis 2010 auf 20 Millionen steigt. Laut einer Studie der Tourismusförderer gibt ein Übernachtungsgast durchschnittlich 40,40 Euro pro Tag in Läden aus. Bei Tagesgästen sind es 17,30 Euro. Besucher, die bei Bekannten oder Verwandten wohnen, bringen 19,70 Euro in die Kassen. Von den Tagesgästen stammen viele aus dem Umland und kommen gezielt zum Einkaufen. Diese Kunden kaufen in der Regel für mehr als 66 Euro ein.

Allerdings profitieren nicht alle Händler gleichermaßen davon – es kommt ganz auf den Standort und die Branche an. Tagesgäste zum Beispiel zieht es vor allem in die Einkaufszentren.

Den höchsten Touristenanteil gibt es in der City-West und der Friedrichstraße. In der Tauentzienstraße mache Niketown 75 Prozent des Umsatzes mit Berlin-Besuchern und die Buchhandlung Hugendubel 70 Prozent, weiß Boris Kupsch, Betreiber des Internetportals www.kurfuerstendamm.de.

Die internationalen Juwelierläden und Modegeschäfte am Kurfürstendamm im Bereich um den Olivaer Platz verkaufen bis zu 80 Prozent ihrer Luxusartikel an Reisende. "Die geben viel mehr aus als die Berliner“, sagt Kupsch. Er schätzt, dass auch in der Friedrichstraße 70 Prozent des Umsatzes mit Touristen gemacht werden.

Kaufkräftige Klientel aus Spanien, Italien und Großbritannien

Auf 40 bis 50 Prozent schätzt den Anteil die Sprecherin der IG Friedrichstraße, Dorothee Stöbe. Ihr fällt die "Korrelation mit den Billigflügen“ auf: Vor allem aus den nordischen Ländern sowie Spanien, Italien und Großbritannien kämen immer mehr Gäste mit preisgünstigen Fluggesellschaften wie Easyjet. Erfreulicherweise handele es sich aber nicht nur um Rucksacktouristen, sondern um eine kaufkräftige Klientel. Die beim Flug eingesparten Summen würden in den hochwertigen Geschäften ausgegeben."Und die Leute wohnen auch in guten Hotels.“ Die Galeries Lafayette wird zu 40 Prozent von Touristen besucht.

Großveranstaltungen spielen eine wichtige Rolle, etwa in den Potsdamer-Platz-Arkaden. Zu deren "Mikrokosmos“ zählt Centermanager Thomas Sänger die Neue Nationalgalerie im Kulturforum: Bei international beworbenen Veranstaltungen wie der MoMA-Schau steige der Touristenanteil in den Arkaden sprunghaft. Normalerweise machten Reisende knapp die Hälfte der Kunden aus, der Umsatzanteil betrage 40 bis 45 Prozent. Die Restaurants profitierten noch stärker von der auswärtigen Kundschaft.

Im KaDeWe sind 40 Prozent der Besucher Touristen, die Hälfte von ihnen aus Deutschland. Zu den internationalen Kunden gehören laut einer Sprecherin besonders viele Russen: "Für sie ist es leichter geworden, mit dem Flugzeug anzureisen.“ Der Kaufhof am Alexanderplatz verkauft neben Souvenirs vor allem Kosmetik und "Wein für den Abend“ an die Kundschaft aus aller Welt, die knapp ein Drittel ausmacht.

Die auf Berlin-Literatur spezialisierte Buchhandlung "Berlin Story“ erlebe Unter den Linden gerade einen "unheimlichen Aufschwung“, sagt der Gründer Wieland Giebel. Jetzt liegt der Umsatz um 50 Prozent höher als vor einem Jahr. Allerdings kaufen dort zu etwa 40 Prozent auch Berliner ein.

Amerikaner nicht mehr so spendabel

Als Shopping-Ziel ist die Stadt nicht nur wegen der großen Auswahl, sondern auch wegen niedriger Preise beliebt. "Durch die knappen Kalkulationen sind Premiumartikel oft günstiger als in anderen Ländern“, sagt Nils Busch-Petersen. "Ganz stark ist das Interesse an Markenkleidung.“ Diese werde zum Beispiel auch von vielen Asiaten gekauft, die zu Hause an billige Kopien von Markentextilien gewöhnt seien. "Sie wollen eben keine Fälschungen.“

Geschäftsführer Lars Wischropp vom Damenmode-Haus Appelrath-Cüpper an der Tauentzienstraße bestätigt diese Einschätzungen. "Hochwertige Bekleidung wird gerne gekauft, weil sie in Deutschland preiswert ist, etwa im Vergleich zu England.“ Boris Gast vom nahen Adidas-Kaufhaus sagt, die Sportartikelmarke stehe "gerade bei Asiaten hoch im Kurs“. Und auch er beobachtet, dass "große Gruppen von Italienern und Spaniern mit Billigfliegern kommen“. Nur Amerikaner seien wegen des schlechten Dollarkurses im Verhältnis zum Euro derzeit etwas knauserig.

Werbe-Flyer soll den Touristen das Einkaufen erleichtern 

In der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg sagt Thomas Bong, Apotheker und Vorsitzender der Händlergemeinschaft: "Bei großen Messen wie der Grünen Woche und der Funkausstellung merken wir, dass viele Touristen da sind.“ Normalerweise liege der Touristenanteil in der Fußgängerzone jedoch "nicht über 20 Prozent“. In der kommenden Woche trifft Bong Vertreter der Messe Berlin, um die Zusammenarbeit zu verstärken. "Wir sind ja nur drei Busstationen vom Messegelände entfernt.“

"Fast null Prozent“ Touristen meldet die Vorsitzende der IG Reichsstraße in Westend, Ursula Kiesling. "Wir haben überhaupt nichts von der Nähe zur Messe und zum Olympiastadion.“ Das Marketing der Tourismuswerber ziele zu stark auf die großen Zentren ab, kritisiert sie. Bald wollen die Händler einen Werbe-Flyer herausbringen, um den Gästen der Stadt ihren "sehr guten Branchenmix“ schmackhaft zu machen. "Hier bekommt man doch alles“, sagt Kiesling.

0 Kommentare

Neuester Kommentar