Fachkräftemangel : Zeitbombe demografischer Wandel

2030 könnten 460.000 Fachkräfte in der Region fehlen. Den Engpass müssen Berliner Wirtschaft, Schulen, Universitäten und Politik gemeinsam bekämpfen.

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Leere Hörsäle - eine Folge des demografischen Wandels. -Foto: ddp

Binnenschiffer, sagen die Angestellten von Jürgen Loch, ist einer der schönsten Berufe der Welt. Während der Ausbildung lernt der Nachwuchs drei Monate im Jahr auf einem Internatsschiff und hat richtig Spaß, sagt der Geschäftsführer der Stern und Kreis Schifffahrt GmbH. Die Bewerber für einen Ausbildungsplatz in seinem Berliner Unternehmen müssten ihm eigentlich die Tür einrennen. Nur passiert das nicht. „Es ist schwer, Azubis für den Beruf des Binnenschiffers zu finden“, sagt Loch. Der Geschäftsführer des Berliner Betriebs, der 300 Mitarbeiter hat, kämpft mit einer Entwicklung, die die regionale Wirtschaft zunehmend zu spüren bekommt: dem Fachkräftemangel.

Die Ursache dafür ist ebenso bekannt wie unaufhaltsam. Weil in Deutschland zu wenige Kinder geboren werden, altert die Bevölkerung. Die Jahrgänge von jungen Nachwuchskräften für den Ausbildungsmarkt schrumpfen. Um diese Jugendlichen konkurrieren nun Unternehmen wie Stern und Kreis Schifffahrt mit anderen. Geschäftsführer Loch würde liebend gern Berliner für die dreijährige Ausbildung zum Binnenschiffer einstellen. „Ich möchte, dass die Leute, die wir ausbilden, auch hier verwurzelt sind“, sagt er. Also nimmt der Betrieb, der derzeit 19 Jugendliche in vier Berufen ausbildet, an Ausbildungstagen in den Bezirken teil, um mögliche Bewerber anzusprechen. „Außerdem versuchen wir, über die Schulen zu gehen, aber die Zusammenarbeit lässt zu wünschen übrig“, sagt er.

Das wird sich künftig ändern müssen, wenn die Region nicht in wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit versinken will. Vor rund einem Monat wurde die erste länderübergreifende Fachkräftestudie für Berlin und Brandenburg veröffentlicht. Dabei ist der Begriff Fachkraft breit gefasst und bezeichnet sowohl ausgebildete Bäcker und Installateure als auch Maschinenbau-Ingenieure und Sozialwissenschaftler. Die von der Prognos AG durchgeführte Untersuchung geht davon aus, dass bis 2030 rund 460 000 Arbeitsplätze in der Region unbesetzt bleiben werden, wenn die beteiligten Akteure nicht sofort etwas unternehmen.

Frauen müssen mehr arbeiten

Von dieser Entwicklung sind alle Branchen betroffen. In fünf Jahren könnten in der Region zum Beispiel 15 000 Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler sowie 14 000 Ingenieure fehlen. Die Autoren der Studie schlagen einige Handlungsmöglichkeiten vor. Denen zugrunde liegt die Annahme, dass in einer schrumpfenden Gesellschaft der Einzelne wichtiger wird. Und der muss für die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt angemessen ausgebildet sein. Die Autoren der Studie appellieren beispielsweise dazu, Schulabgänger so zu informieren, dass diese ihre Ausbildung mit einem klaren und realistischen Berufsbild beginnen. Das senkt im Idealfall die Abbrecherquote. Gleichzeitig sollen Arbeitslose und gering Qualifizierte mit gezielter Weiterbildung auf den Arbeitsmarkt (zurück)geholt werden.

Frauen, die heute oft in Teilzeit arbeiten, müssen mehr, über 50-jährige Arbeitnehmer länger beschäftigt werden. Und insbesondere Berliner Betriebe sollen mehr aus- und weiterbilden. Wirtschafts- und Sozialpartner, die Agentur für Arbeit, Bildungseinrichtungen sowie Verwaltung und Politik müssen sich nun „mehr denn je engagieren, um bedarfsgerechte Angebote zur Qualifizierung für Arbeitskräfte in der Region“ zu schaffen, mahnt die Studie.

„Wir stehen vor einer gigantischen Herausforderung“

An einer Ausbildung, die auf den Arbeitsmarkt zugeschnitten ist, arbeitet die Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) seit Jahren. Sie bietet zum Beispiel ein duales Studium an, bei dem die Studierenden abwechselnd in einem Unternehmen und an der Hochschule lernen – ein Renner, sagt Rektor Franz Herbert Rieger: „Wir haben bis zu zehn Bewerbungen für einen Platz.“ Auch die Weiterbildung der HWR wird stark nachgefragt, beispielsweise der Master in Health Care Management (Management im Gesundheitswesen), für den sich vor allem Mediziner einschreiben.

Rieger reicht das nicht. „Wir stehen vor einer gigantischen Herausforderung“, sagt er und nimmt die Hochschulen mit in die Pflicht, sich anzupassen: „Heute sind die meisten Studenten Teilzeitstudenten. Wir sind aber immer noch eingestellt auf ein Vollzeitstudium.“ Auf einem anderen Feld hat die HWK in Kooperation mit dem Frauennetzwerk Zonta ein Mentoringprogramm aufgelegt, um Studentinnen mit Migrationshintergrund zu unterstützen. Von Unternehmen fordert der Rektor, dass sie sich für Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund öffnen sollen.

Lieber einen Mitarbeiter, der nicht so gut Deutsch spricht

Martin Schilling, Geschäftsführer des Berliner Strategieberaters Decision Institute, geht noch einen Schritt weiter: „Arbeitgeber werden sich immer stärker darauf einstellen müssen, dass sie Angestellte mit nicht sehr guten Deutschkenntnissen haben“, sagt er. Sein Unternehmen berät öffentliche Stellen bei der Bewältigung des demografischen Wandels. Dieser hat in Brandenburg schon deutlich sichtbare Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt. So bilden dort bereits einige Unternehmen junge Menschen aus Polen aus, da es keine geeigneten deutschen Bewerber mehr für die Ausbildungsplätze gibt. „Bevor ich gar keinen Mitarbeiter habe, nehme ich lieber einen, der nicht so gut Deutsch spricht“, erklärt Schilling. Diese Fachkräftequelle wird aber schnell versiegen, glaubt man Demograf Harald Michel (siehe Interview): „In Polen zum Beispiel ist die Schrumpfung und Überalterung noch schlimmer als in Deutschland. Von dort kann also keine Rettung kommen“, sagt er.

Das habe man auch bedacht, sagt Martin Schilling, daher habe das Decision Institute bei der Suche nach künftigen Fachkräften den Radius schon kräftig ausgeweitet und sei auf die Türkei, Indien und Afrika gekommen, von wo aus aufgrund des Klimawandels und der damit verbundenen Austrocknung ganzer Landstriche in den nächsten Jahrzehnten eine Migrationswelle gen Europa zu erwarten ist.

Jeder Zehnte verlässt die Schule ohne Abschluss

Während die einen in der ganzen Welt nach den Fachkräften von morgen suchen, arbeiten die anderen daran, diese Fachkräfte in Deutschland zu finden. Das geht zunächst über eine gezielte Berufsinformation an Schulen. Seit 2009 besuchen die Berufsberater der Agenturen für Arbeit Schüler bereits in der siebten und achten Klasse, um sie auf das Beratungsangebot aufmerksam zu machen. „Das wird in der neunten und zehnten Klasse intensiviert“, sagt Erik Benkendorf, Sprecher der Berliner Arbeitsagenturen. „Wir konzentrieren uns bereits sehr stark auf den einzelnen Jugendlichen“, sagt er. Das bedeute auch, dass für jeden Jugendlichen, der das Beratungsangebot in Anspruch nehme, individuelle Lösungen gesucht würden. Je nach Schule kommen nur 50 bis 75 Prozent der Jugendlichen zur Beratung. Um die Hemmschwelle zu senken, verweisen die Agenturen auf die Internetplattform planet-beruf.de, über die sich Eltern und Schüler informieren und dann bei Bedarf vertiefende Informationen bei Beratern einholen können. „Der Fachkräftebedarf bewirkt, dass die Chancen für Jugendliche steigen, einen Ausbildungsplatz zu finden“, sagt Benkendorf. Dafür müssten aber alle Akteure mitmachen.

Das bezieht auch die Jugendlichen ein. In Berlin verlassen jedes Jahr rund zehn Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss. Im Schuljahr 2007/2008 waren das etwas über 3000 Jugendliche. Unter den unqualifizierten Schulabgängern befinden sich nach wie vor überdurchschnittlich viele junge Menschen mit ausländischen Wurzeln. Für Jugendliche türkischen Ursprungs läuft seit Februar ein Angebot an, für das die Arbeitsagenturen mit der türkischen Botschaft zusammenarbeiten. Sie sprechen türkische Vereine an, die Informationsabende zum Thema Berufswahl ausrichten. Dort können sich türkischstämmige Eltern und Kinder informieren.

„Angebote der Beratung gibt es ohne Ende“, sagt Katharina Schumann, Leiterin des Referats Bildungsberatung in der Handwerkskammer Berlin. So hat auch die Handwerkskammer sechs Berater, die Betrieben, Schülern und Eltern helfen. Das Problem sei, dass Jugendliche feste Bilder über Berufe im Kopf hätten, die oft unrealistisch seien. Schumann erklärt das am Beispiel des Berufs Anlagenmechaniker für Sanitär- und Klimatechnik. In der Praxis bauen diese Heizungsanlagen, Solaranlagen oder Whirlpools und Badewannen ein. Die Jugendlichen läsen das Wort „Sanitär“ und dächten an etwas Unappetitliches, erklärt Schumann. Dabei sei dieser Beruf sehr vielseitig. Umgekehrt wollten viele junge Frauen Kosmetikerin werden, weil sie dabei an Schminken dächten. „Dabei machen Kosmetiker ihr Hauptgeschäft mit Fußpflege“, sagt Schumann.

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