Innovationspreis : Die Entdeckung der Zukunft

Ventile für den Kopf und Zahnpasta mit nützlichen Bakterien – innovative Ideen kommen aus Berliner Laboren. Doch der zweimalige Gewinner des Innovationspreises, Christoph Miethke, beklagt den fehlenden Mut zur Existenzgründung.

Cay Dobberke
Christoph Miethke GmbH
Preisgekrönter Betrieb. Schülerinnen des Potsdamer Einstein-Gymnasiums mit einem Medizintechniker der Christoph Miethke GmbH. -Foto: David Heerde

Jedem Anfang wohne ein Zauber inne, hat Hermann Hesse einst gedichtet. Aber der Potsdamer Unternehmer und zweifache Gewinner des Innovationspreises Berlin-Brandenburg, Christoph Miethke, weiß auch: "Viele Menschen glauben zu wenig an sich." Seine Medizintechnikfirma wird regelmäßig von Schulklassen besucht. In dieser Woche erkunden Schüler des Potsdamer Einstein-Gymnasiums im Rahmen der bundesweiten Aktion "Jugend denkt Zukunft" den Betrieb und wollen in einem "Innovationsspiel" versuchen, Verbesserungsideen zu entwickeln. Miethke freut sich immer wieder über das Interesse, vermisst jedoch den Mut zur Existenzgründung. Vor einiger Zeit habe er eine Klasse gefragt, wer Unternehmer werden wolle, sagt er. "Keiner hat sich gemeldet."

Für den einstigen TU-Studenten hat sich der Schritt in die Selbstständigkeit gelohnt: Die 1992 als Ausgründung der Uni entstandene Christoph Miethke GmbH mit 35 Beschäftigten beliefert viele Kliniken mit Drainagen für Patienten, die an einem Wasserkopf (Hydrocephalus) leiden. Es handelt sich um operativ eingesetzte Ventile, die den Hirndruck vermindern. Die 1999 mit dem Innovationspreis ausgezeichnete Technik wurde später so stark verbessert, dass Miethke den Preis 2006 erneut erhielt.

Neuartiges vermarktet auch Christine Lang: Im Gründerzentrum auf dem alten Weddinger AEG-Gelände entwickelt ihre Biotechnikfirma Organo Balance GmbH seit 2001 besondere Bakterienkulturen. Die "Probiotika" bekämpfen zum Beispiel Parodontose-Erreger im Zahnfleisch. Noch in diesem Jahr will der Chemiekonzern BASF Zahnpasta oder Kaugummi mit dem nützlichen Bakterienzusatz auf den Markt bringen. Christine Lang hat Biologie studiert und später Genetik an der TU gelehrt, wo sie bis heute Seminare gibt. Sie ist "entsetzt über die Mentalität vieler Studenten": Statt Existenzgründungen ins Auge zu fassen, "wollen sie in große Firmen, öffentliche Institute oder an die Uni".

Der Mut fehlt

Auch Bruno Broich, Vorstand der Technologiestiftung Berlin, wünscht sich "mehr Ermutigung für junge Leute, sich selbstständig zu machen". Die Region Berlin-Brandenburg verfüge über zahlreiche Unis und Fachhochschulen; es mangele auch nicht an Ideen, Fördermitteln oder Gremien, die Innovationen unterstützen. "Berlin ist in vielen Bereichen spitze, aber der Output ist nicht zufriedenstellend." Aus 150 Ideen im Technologiebereich entstünden nur zwei bis drei Projekte, sagte Broich bei einer Podiumsdiskussion zum Innovationspreis 2008, zu der die Technologiestiftung gemeinsam mit dem Tagesspiegel und dessen Mittelstandsmagazin Berlin maximal eingeladen hatte. Von dem "langen Weg" sollten sich einfallsreiche junge Leute aber nicht abschrecken lassen. Selbst die Natur, "der größte Erfinder", brauche viele Versuche bis zum Erfolg.

Ein großes Problem stelle die Frage dar, wie man "mit einer tollen Idee auf den Markt kommt". Gerd Appenzeller, Tagesspiegel-Redaktionsdirektor und Chefredakteur von Berlin maximal, betonte die Bedeutung von Netzwerken. Auch der Innovationspreis, der im Dezember zum 25. Mal vergeben wird, besitzt jetzt eines: Preisträger der Vorjahre gründeten im Juni ein "Alumni-Forum", um ihr Know-how an junge Bewerber weiterzugeben und "dem Innovationsgeschehen insgesamt neue Impulse zu geben".

Netzwerke sind bedeutend

Die Förderung neuer Ideen müsse bereits in der Schule beginnen, sagt Broich. Die Technologiestiftung finanziert zehn Schülerlabors, in denen Klassen unter Betreuung experimentieren können, und veranstaltete im Juni die dritten Aktionstage "Spielen und Wissen" in der Urania. Auch der Verein "Jugend forscht" und der gleichnamige bundesweite Wettbewerb leisteten einen wichtigen Beitrag.

Rudolf Steinke, Geschäftsführer des Vereins Berliner Wirtschaftsgespräche, sieht Berlin bei Innovationen "ganz vorne"; dies belege unter anderem eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung. Verbesserungswürdig sei aber noch die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft. In einem "Innovationsindex", den das Statistische Landesamt Baden-Württemberg 2006 veröffentlichte, stand Berlin sogar europaweit an zweiter Stelle - nach Baden-Württemberg.

Dass bahnbrechende Ideen oft am fehlenden Mut zur Existenzgründung scheitern, glaubt die Industrie- und Handelskammer Berlin nicht. "Mit 116 Gründungen pro 10.000 Einwohner liegt die Hauptstadt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 85 Gründungen pro 10.000 Einwohner", argumentiert IHK-Sprecher Holger Lunau. Allein 2007 seien 40.000 Firmen gegründet worden. Die IHK-Statistik erfasst allerdings Betriebe aller Art. IHK und Handwerkskammer haben am Dienstag ein "Startercenter" im Internet eröffnet (www.startercenter-berlin.de). Das Onlineportal ermöglicht es, Formalitäten schnell und unbürokratisch zu erledigen.

Biotechnologie und Medizintechnik zählen zu den wichtigsten Branchen bei Innovationen aus Berlin. So gehört der Biotechnologiepark Berlin-Buch mit 50 Firmen und 750 Mitarbeitern zu den größten in Deutschland. Großen Anteil daran hat die langjährige Chefin Gudrun Erzgräber, die Ende Juni in den Ruhestand ging - und mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde.

Für den Innovationspreis 2008 können bis zum 20. Juli Wettbewerbsbeiträge eingereicht werden. Näheres online unter www.innovationspreis-bb.de.

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