Interview : "Berlin kann Pharmahauptstadt werden"

Andreas Fibig, Vorstandschef von Bayer Schering, über die Wirtschaftskrise, den Kampf gegen Krebs und New York.

Andreas Fibig
Andreas Fibig. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr Fibig, Sie sind nach vielen Jahren im Ausland seit neun Monaten wieder in Ihrer Heimat Berlin. Wie geht es Ihnen hier?


Sehr gut. Berlin hat sich sehr positiv entwickelt. Die Stadt hat sich aus dem Inseldasein gelöst und zieht viele interessante Menschen an. Auch die Berliner Wissenschaft hat sich weiterentwickelt und gehört heute zu den führenden Wissenschaftsstandorten in Europa. Kulturell war Berlin schon immer gut aufgestellt. Ich habe meine ehemaligen Mitarbeiter in New York gefragt, welche Stadt in Europa sie interessiert, und Berlin kam neben London und Paris immer vor. Darauf können wir stolz sein.

Berlin ist besser als New York?


(lacht) Jede Stadt ist einzigartig. Mir gefällt an Berlin, dass es hier leiser als in New York, aber trotzdem lebendig ist. Außerdem ist die Stadt viel grüner, das hat mir in meinem Büro in der 42. Straße in New York immer ein bisschen gefehlt.

Was können wir von Amerika lernen?


Optimismus.

Und in Ihrer Branche?


Die Forschung und die Spitzentalente werden in den USA besser gefördert als bei uns. Kapital ist in der amerikanischen Biotech-Industrie grundsätzlich leichter verfügbar.

Was muss sich da ändern?


Die Rahmenbedingungen für Gründer, aber auch für Wissenschaftler müssen besser werden. Ich habe in den USA viele junge Deutsche getroffen, die wegen der höheren Forschungsbudgets und besseren Gehälter gekommen sind. Es darf keinen weiteren Exodus von Spitzenkräften geben.

Die Weltwirtschaft ist in der Krise – wie stark trifft das Bayer Schering Pharma?


Für uns war 2008 ein gutes Geschäftsjahr. Die Wirtschaftskrise macht sich vor allem in Märkten, in denen die Patienten ihre Medikamente selber kaufen müssen, bemerkbar, zum Beispiel in Schwellenländern wie Mexiko. Und viele Regierungen reduzieren ihre Ausgaben für Gesundheit, weil sie Konjunkturprogramme finanzieren müssen. Der Preisdruck in der Pharmabranche nimmt zu. Das bekommen auch wir zu spüren.

Geht es konkreter?


Noch im Oktober lautete die Prognose, dass der Weltpharmamarkt in diesem Jahr um drei bis fünf Prozent wachsen werde. Jetzt werden es wohl zwei bis drei Prozent. Wenn sich das Wachstum der Branche halbiert, geht das nicht spurlos an uns vorüber. Trotzdem setzen wir uns ehrgeizige Ziele: Wir wollen auch 2009 schneller als der Markt wachsen.

Das Wachstum verlangsamt sich, sagen Sie. Wann wird es wieder besser?


Das kommt auf das jeweilige Land an. Die chinesische Regierung zum Beispiel nimmt gerade viel Geld für eine Gesundheitsreform in die Hand. Vor allem im ländlichen Raum werden Diagnoseeinrichtungen und Kliniken aufgebaut. Hinzu kommt, dass die Menschen künftig eine Krankenversicherung haben sollen. Das beflügelt den chinesischen Pharmamarkt, auf dem wir die Nummer eins sind. Wir glauben, dass wir dort weiter zweistellige Wachstumsraten erzielen können.

Und wo läuft es schlechter?


Marktforschungsinstitute erwarten, dass der US-Pharmamarkt in diesem Jahr stagnieren wird – das erste Mal seit mehr als 50 Jahren. Mit dem Arbeitsplatz verlieren die Menschen häufig ihre Krankenversicherung. Hinzu kommt, dass die Versicherten hohe Zuzahlungen leisten müssen, die sie sich in der Wirtschaftskrise nicht leisten können. Wir sind über diese Entwicklung besorgt, aber unser Geschäft wird hierdurch voraussichtlich weniger beeinträchtigt, als dies bei anderen Unternehmen der Fall sein wird. Wir realisieren dort lediglich rund ein Viertel unseres Umsatzes, während die USA für 40 Prozent des weltweiten Pharmamarktes stehen.

Wie können Sie noch stärker werden?


Die strukturellen Themen sind klar: Wir müssen unter anderem die Produktivität von Forschung und Entwicklung erhöhen, um den Patienten mehr innovative Präparate zur Verfügung stellen zu können.

Wie lässt sich die Produktivität von Forschern steigern?


Wir können Forschung und Entwicklung nicht mehr so betreiben, wie wir es die letzten 20 Jahre gemacht haben. Wir müssen neue Wege finden und Partnerschaften bilden. Da kommen vor allem kleinere Biotech-Unternehmen sowie akademische Einrichtungen infrage.

Warum?

Große Unternehmen sind gut, um Produkte zu entwickeln, zur Zulassung zu bringen, zu vermarkten. Wir können auch Basisforschung betreiben, aber nicht alleine. Wir müssen Substanzen von anderen Unternehmen mit hineinnehmen.

Aber haben sich nicht immer schon die Großen an den Kleinen beteiligt?


Ja, aber das muss noch mehr werden. Wir müssen uns viel stärker vernetzen. Deswegen ist der Standort Berlin für uns reizvoll. Es gibt hier auch eine Menge akademische Einrichtungen. Wir arbeiten mit den Forschern in der Charité ebenso wie mit Biotech-Unternehmen in Adlershof und Buch eng zusammen. Wir wollen die Ansiedlung kleiner Unternehmen vorantreiben, damit wir an diesem Standort eine kritische Masse erreichen. Berlin kann Pharmahauptstadt werden.

Die meisten Ihrer Partner wünschen sich von Ihnen vermutlich vor allem Geld.


Geld ist das eine. Aber viele sind mehr daran interessiert, mit uns zusammen einen Masterplan zu entwickeln, wie man ihre Idee, ihr Geschäft voranbringen kann. Wenn jemand ein neues Produkt hat und nicht weiß, wie er es entwickeln soll, dann soll er zu Bayer Schering Pharma kommen – das ist meine Vision.

Welche Produkte sind in Ihrer Pipeline?


Xarelto, das Patienten hilft, Thrombosen zu vermeiden, ist inzwischen in über 50 Ländern zur Behandlung nach Knie- und Hüftgelenksoperationen eingeführt und hat ein Umsatzpotenzial von mehr als zwei Milliarden Euro bei Zulassung in allen geplanten Indikationen. In den USA hoffen wir, das Medikament bald auf den Markt bringen zu können. In China und Lateinamerika wollen wir Xarelto ebenfalls einführen. In Europa steht seit kurzem Frauen die neue Pille Qlaira zur Verfügung, deren Östrogenbestandteil auf Estradiol basiert – dem gleichen Östrogen, das der weibliche Körper produziert. Riociguat gegen Lungenhochdruck befindet sich momentan in der klinischen Phase III, und erste Ergebnisse werden voraussichtlich im Jahr 2011 vorliegen. Es soll einen Umsatz von bis zu einer Milliarde Euro bringen. Unsere klinische Entwicklungspipeline ist mit über 40 überwiegend fortgeschrittenen Projekten gut gefüllt. Immerhin haben wir im vergangenen Jahr rund 1,5 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung investiert.

Für welches Leiden wünschen Sie sich ein Produkt?


Krebs. Das ist ein sehr persönliches Thema. Im Freundeskreis habe ich eine junge Frau, die gerade an Gebärmutterhalskrebs erkrankt ist. Innerhalb einer Woche wurde ihre Familie komplett auf den Kopf gestellt. Es geht um Leben oder Tod. Bei solchen teuflischen Krankheiten müssen wir noch viel besser werden.

Wenn man Ihr Gebäude betritt, hat man nicht den Eindruck, dass man ein Unternehmen der Zukunft betritt. Erläutern Sie mir die Pläne, wie das anders werden soll?


Wir wollen aus dem Gelände einen Pharma-Campus machen. Das zentrale Gebäude stammt aus den 70er Jahren. Eine Überlegung ist, den ganzen Campus zu drehen und das Hauptgebäude auf der Südseite anzusiedeln.

Das alte Hauptgebäude verschwindet?


Nicht unbedingt. Wir müssen Anfang nächsten Jahres entscheiden, ob wir renovieren oder neu bauen – und wenn wir neu bauen, wo wir neu bauen.

Wann wächst die Mitarbeiterzahl in Berlin wieder?


Weltweit beschäftigen wir rund 40 000 Mitarbeiter und hier am Hauptsitz über 5000. Wir stellen weltweit immer wieder neue Mitarbeiter ein. Wir haben die Onkologieforschung von West Haven im US-Bundesstaat Connecticut nach Berlin geholt, wir verlegen gerade das Produktteam für unseren Blockbuster Xarelto von Wuppertal nach Berlin.

Ist die Integration von Schering inzwischen abgeschlossen? Zuletzt ging es noch um 50 Arbeitsplätze.

Wir müssen noch für rund 20 Mitarbeiter eine Lösung suchen. Wir sind zuversichtlich, dass wir dies bis Ende des Jahres geschafft haben. Das geschieht ohne soziale Härten. Betriebsbedingte Kündigungen wollen wir vermeiden.

Das Interview führte Moritz Döbler.


ZUR PERSON

Andreas Fibig, Vorstandschef von Bayer Schering.


DER BERLINER

Andreas Fibig (47) ist ein gebürtiger Berliner und hat bei Schering eine Lehre zum Industriekaufmann absolviert. Bald wechselte er aber zur Konkurrenz und machte in der Pharmabranche international Karriere. Zuletzt war er in New York als Topmanager für den US-Konzern Pfizer tätig. Vor gut neun Monaten kam er zurück zu seinem inzwischen von Bayer übernommenen Lehrbetrieb: als Vorstandsvorsitzender der Bayer Schering Pharma AG.


DIE FIRMA

Die vor drei Jahren formierte Bayer-Tochter mit Sitz in Berlin ist die Ertragssäule des Konzerns. Zuletzt kam sie auf einen Jahresumsatz von 10,7 Milliarden Euro und steuerte damit jeden dritten Euro bei. Die noch zu Schering-Zeiten entwickelten Produkte haben den größten Erfolg: Ganz vorn liegen die Antibabypillen aus der Yaz-Familie mit einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro, knapp dahinter das Multiple-Sklerose-Mittel Betaferon. mod

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