IT-Branche : Netzwerker haben Konjunktur in Berlin

In Berlin werden die meisten IT-Firmen gegründet – und nirgends arbeitet die Branche enger zusammen.

Cay Dobberke

BerlinDie Gletscher und Berge in dem BBC-Naturfilm sehen beeindruckend aus – doch die dreidimensionalen Bilder, die Matthias Kunter und Sebastian Knorr daraus gemacht haben, ziehen die Zuschauer viel stärker in den Bann. Die Ingenieure demonstrieren damit ihre Software, die zweidimensionale Filme automatisch ins 3-D-Format wandelt; bisher war dies nur in langwieriger Handarbeit am Computer möglich. Erst im Frühjahr wurde die imcube media GmbH (www.imcube.de) aus der TU ausgegründet – und schon jetzt im Wettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“ prämiert. Vertreter der Filmindustrie sind häufig zu Besuch, da Hollywoodstudios mit 3-D-Filmen mehr Kinobesucher anlocken wollen. Auch normal gedrehte Streifen sollen mit räumlichen Bildern aufgehübscht werden. Die Technik hat also beste Chancen.

„Die Uni unterstützt uns sehr gut“, loben die Forscher, deren Labor vorerst in einem TU-Institut am Einsteinufer bleibt. Überhaupt gibt es laut Branchenkennern keinen besseren Ort für IT-Gründungen als Berlin. „Die Stadt ist in der Szene beliebt, Gründer finden einen internationalen Freundeskreis“, sagt Alexander Hüsing vom Internetportal www.deutsche-startups.de. Außerdem seien die Büromieten niedrig. Hüsing sieht besonders bei Internet-Startups einen starken Zuwachs: Mit 128 neuen Firmen in den Jahren 2006 bis 2008 sei Berlin „die Hauptstadt der Gründer von Internetfirmen“. Knapp dahinter folge München mit 118 Neulingen, abgeschlagen seien Hamburg (78) und Köln (45). Künftig rechnet Hüsing mit „weniger Gründungen, aber ausgereifteren Ideen“.

Beim Umsatz und der Mitarbeiterzahl liegt die mittelständische Branche allerdings weiterhin hinter München, wo vor allem Siemens die Statistik aufwertet. „Solange es hier kein Großunternehmen gibt, bleibt das so“, sagt Peer-Martin Runge, Geschäftsführer des Verbands der Software-, Informations- und Kommunikationsindustrie in Berlin und Brandenburg (SIBB). Oft sei die Rede von der „innovativsten Hauptstadtregion Europas“. Diese Wortwahl unterschlage jedoch, dass beim sogenannten Innovationsindex Stuttgart auf Platz eins liegt; bei diesem Ranking gehe es um Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Dafür entwickele die IT-Wirtschaft hier „eine eigene Dynamik“, sagt Christoph Lang von der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner. Gerade die Neugründungen im Internetbereich bräuchten Hilfe von Webdesignern und anderen Dienstleistern. „Man kriegt hier leicht Arbeitskräfte, und Arbeitnehmer kommen gerne nach Berlin.“ Laut Wirtschaftsverwaltung blickt die Branche „verhältnismäßig optimistisch in die Zukunft“. Durch die Finanzkrise könnten aber „die starken Wachstumszahlen in diesem und im nächsten Jahr nicht erreicht werden“, sagt Sprecher Stephan Schulz. Noch zwischen 2006 und 2007 sei die Beschäftigtenzahl in der Branche um 13 Prozent gestiegen. Von der Investitionsbank und der Bürgschaftsbank gebe es „ein umfassendes Finanzierungsangebot, das hilft, Engpässe zu vermeiden“. Die Bedeutung, die der Senat der IT- und Medienwirtschaft zumisst, zeigt die Ernennung zum „Kompetenzfeld“. Diesen Status genießen insgesamt sechs Branchen, die „besondere Perspektiven“ bieten.

Doch es gibt auch Kritik: Der SIBB fordert, das Konjunkturpaket II „aufzuschnüren“. Von 632 Millionen Euro flössen nur drei Millionen in den IT-Bereich – für die „Modernisierung der Netze und den Kauf stromsparender Server“. Berlins IT-Firmen seien „schwer enttäuscht“, sagt Verbandsgeschäftsführer Runge. Nach Tagesspiegel-Informationen laufen zurzeit Gespräche zwischen dem Verband und Senatsvertretern, über die aber noch nichts nach außen dringen soll.

Seit längerem drängt der SIBB auch auf die stärkere Nutzung freier Software in Ämtern. Mit „Open Source“ ließen sich Lizenzkosten sparen. Zudem profitiere die regionale IT-Branche, die solche Programme herstelle und betreue. Die Technologiestiftung Berlin (TSB) hat von Gutachtern ermitteln lassen, dass 600 Firmen mit rund 9700 Beschäftigten im Open-Source-Bereich aktiv sind. Manche Behörden, etwa die Wirtschaftsverwaltung, nutzen bereits das kostenlose Betriebssystem Linux. Solchen Trends widmet sich Ende Juni der Linux-Tag, der als führende Open-Source-Messe gilt (siehe Kasten). Parallel dazu läuft die Regionalmesse IT Profits. Deren Projektmanager Sinan Arslan sagt: „Nur in der Hauptstadt gibt es das richtige Feuer für Innovation.“

Berliner Start-ups melden derweil neue Erfolge: Der Online-Shoppingclub brands4friends zählt nach 20 Monaten bereits zwei Millionen Mitglieder, und beim 2008 gegründeten Internetmarktplatz „Käuferportal“ steigt die Oldenburger Nordwest-Zeitung mit 500 000 Euro ein. Erst seit März gibt es „daparto“, einen Internetmarkt für Autoteile. Im Mai zählte dieser bereits 120 000 Nutzer. Der neuen Firma halfen die Investitionsbank und ein Netzwerk aus IT-Experten. Die Stadt „wimmelt von erfolgreichen Leuten, die einen unterstützen“, loben die daparto-Gründer Stefan Friemel und Christian Koeper.

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