Berufsgeschichte : Die Amme

Die Brust zu geben, galt im 18. Jahrhundert als ekelhaft. Pariser Babys wurden für zwei Jahre zum Stillen aufs Land geschickt. Lange Zeit davor glaubten die Menschen noch, mit der Muttermilch würden Charakterzüge und Talente weitergegeben

Michaela Vieser,Irmela Schautz (Illustration)
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Die Illustrationen zur Serie stammen von der Grafikerin Irmela Schautz. Foto: privat

Ihre Brüste müssen die Eigenschaften haben, die sie zum Säugungsgeschäft fähig machen; sie müssen also gut gebaut, nicht zu fett und strotzend, nicht hart und knotig, nicht zu schlaff und flach seyn; die Warzen müssen rein und gehörig gebildet, weder zu klein noch zu groß seyn, und die Milch sich leicht aus denselben bei dem Saugen ergießen, ohne auszufließen. Beide Brüste müssen gleichmäßig gebildet seyn, damit sie an beiden stillen kann.“

So schrieb Carl Ferdinand Gräfe in seinem 1828 erschienenen Encyclopädischen Wörterbuch der medicinischen Wissenschaften zum dringenden und praktischen Problem, eine geeignete Säugamme zu finden. Er empfahl, in welchen Situationen man einer Amme den Beischlaf erlauben oder untersagen sollte, welche Nahrung einer Amme verträglich sei, und riet ab, Ammen mit roten Haaren einzustellen, denn diese „empfehlen sich aus dem Grunde nicht, weil sie meistens einen falschen Charakter und nebenbei übelriechenden Schweiß haben“.

Die Geschichte der Amme reicht bis zurück zur Antike, war ihre Brust doch lebenswichtig für Säuglinge, deren Mütter im Kindsbett starben oder selbst keine eigene Milch produzieren konnten. Ochsenhörner – mit einem Loch versehen – waren als Babyfläschchen zwar schon bekannt, boten aber keine Alternative: Kuh-, Esels- oder Ziegenmilch waren vor der Homogenisierung und Pasteurisierung weder steril noch immer frisch erhältlich und ein zu großer Risikofaktor für die Gesundheit des Kindes.

Doch Ammen wurden häufiger eingesetzt als notwendig. Schon der griechische Arzt Soranos von Ephesos (96 bis 138 nach Christus) befand, dass Frauen sich durch das Stillen verausgabten und vorzeitig alterten. Ein Bild, das sich bis in die Neuzeit hielt. In Anbetracht ihrer scheinbar dahinwelkenden Körper hielten sich die Römerinnen der Oberschicht eine Haussklavin als Amme. Diesen Zeitgeschmack konnte der Schriftsteller Tacitus im zweiten Jahrhundert nach Christus nicht teilen: Er rühmte die Germaninnen, die ihre Kinder selbst stillten.

Amme oder keine Amme: Der Disput verlor über die Jahrhunderte nicht an Fahrt. Während die italienischen Künstler der Renaissance das Bild der Virgo lactans, der stillenden Muttergottes, in den Kirchen verewigten, war es nur Raffaelo, der von seiner leiblichen Mutter genährt wurde. Michelangelo, den in jungen Jahren der Busen einer Steinmetzfrau labte, soll erzählt haben: „Mit der Milch (habe ich) Meißel und Hammer eingesogen, womit ich meine Figuren mache.“

Sein Ausspruch kommt nicht von ungefähr. Lange Zeit ging man davon aus, dass Muttermilch umgewandeltes Menstruationsblut sei: Während der neun Monate im Bauch der Mutter wurde das Kind von diesem Blut gelabt, nach der Geburt vom umgewandelten Blut aus der Brust. Da sei es ja kein Wunder, dass sich der Charakter der Amme auf das Kind übertrug. Wenn ein Junge die Milch einer zu hitzigen Amme trank, konnte er zu weibisch werden, Mädchen, die nicht die Milch einer charakterlich ähnlichen Frau genossen, zu männisch. Die Gräfin Ida, Kreuzfahrergattin, wurde posthum zur Heiligen erklärt, weil sie ihre drei Söhne selbst stillte, zumal die zu solchen Prachtkerlen wie Balduin von Jerusalem heranwuchsen. Als sie einmal beschäftigt war und eine Frau aus ihrem Gesinde das schreiende Baby mitleidig stillte, zwang die heilige Ida ihr Kind, das Getrunkene zu erbrechen. Man ist, was man isst.

Vieser
Durch die Welt der verschwundenen Berufe führt Sie die Journalistin und Autorin Michaela Vieser (r.). Von ihr erschien zuletzt das...Foto: privat


Von 21 000 Geburten der Stadt Paris im Jahr 1780 wurden 17 000 Kinder zu Ammen aufs Land gebracht. 700 genossen das Privileg einer Säugamme, die nach Hause kam. 2000 bis 3000 Kinder wurden in Heimen abgegeben, und nur 700 Kinder blieben bei ihren Müttern. In Hamburg sahen die Zahlen nicht viel anders aus: im 18. Jahrhundert waren 4000 bis 5000 Ammen in der Hansestadt beschäftigt. Stillen galt als lächerlich und ekelhaft, weder als amüsant noch als schick. Sollten doch andere diese lästige Arbeit erledigen.

Für die Familienväter hatte die Amme einen weiteren Vorteil: Die Ehefrau konnte schneller wieder geschwängert werden und die Familie wachsen. So war der Beruf der Amme für einfache Frauen vom Lande ein einträgliches Geschäft. Einen Qualitätsanspruch konnten die wenigsten erfüllen, Hauptsache sie hatten Milch.

August Bebel schrieb 1879 von Ammenzüchtereien, von Vätern, die ihre Töchter zur Schwangerschaft trieben, um sie als Amme zu vermitteln. In Paris brachten organisierte Wagenkolonnen die Säuglinge der Stadtbürger schon wenige Tage nach der Geburt zu den Ammen im Umland, nach zwei Jahren kamen die Kinder wieder nach Hause, hoffentlich ins richtige. Wer schrie, wurde bei den Ammen nicht immer gleich an die Brust genommen, sondern durfte zum Ausgleich auch mal an mit Mohn gefüllten Beutelchen lutschen. Und wie stillte die Mutter ab? Vom Hof Ludwig XIII. ist übertragen, dass man Hundewelpen an die Mutterbrust setzte.

Kritiker des Ammenwesens beklagten, dass mehr Aufwand betrieben wurde, einen geeigneten Metzger zu finden als eine gute Amme, zumal man diesen das aus heutiger Sicht Kostbarste anvertraute. Meist fiel es dem Vater zu, eine gesund aussehende schwangere Frau auf dem Markt anzusprechen, ob sie bereit sei, sein Kind mitzustillen. Erst später kristallisierten sich Agenturen heraus, die stramme Ammen vermittelten.

Seit in Berlin die Kinder Kaiser Wilhelm II. von einer Spreewaldamme groß gezogen worden waren, waren die Sorbenfrauen der Inbegriff des vertrauenswürdigen Kindermädchens und galten schon bald als Statussymbol in der Berliner Gesellschaft. Sie hatten dazu den Vorteil, dass sie bei der Familie einzogen und man die Kinder nicht wegschicken musste. In Zilles Berliner Bildern prägen die in ihre weiße Tracht gekleideten Spreewaldfrauen das Stadtbild und inspirierten ihn zu einem Gedicht:

„Wenn in’n Tiergarten de Ammen

Unscheniert die kleenen Strammen

Frische Nahrung lassen ziehn –

Denn is Frühling in Berlin!“

Es wird nicht wenige Nicht-Sorben gegeben haben, die sich ein Kostüm zulegten, vielleicht auch angestiftet von den Familien, bei denen sie arbeiteten. „Kein Ausgang jedoch ohne Haube. Sie war sozusagen das Markenzeichen, das nicht nur die Trägerin, sondern auch die Familie erst ins rechte Licht rückte, die sich ein solches Prachtexemplar leisten konnte.“ So schrieb Sibylle Niemöller von Sell in ihren Memoiren über die Ammen ihrer Berliner Kindheit. War eine gute Milchfrau gefunden, konnte das Verhältnis zwischen Kind und Stillmutter ein sehr herzliches werden und ein Leben lang andauern. In unzähligen Briefen und Postkarten berichtete der Prinz von Hohenzollern immer wieder an seine Spreewaldamme: von seinem Verhältnis zu seiner Frau, von seinen Kindern; und bat auch darum, ihm an seine Privatadresse zu antworten.

Dass es auch ein durchaus schöner Beruf oder auch Berufung sein konnte, schrieb im 17. Jahrhundert der Arzt und elffache Vater Laurent Joubert, Professor der medizinischen Fakultät von Montpellier: „Wenn die Frauen nur die Freuden des Stillens kennen würden – sie würden es nicht nur bei ihren eigenen Kindern tun, sie würden sich selbst ausleihen: stillende Frauen sind gewöhnlich voller Liebe und Hingabe auch fremden Babys gegenüber. Kann man sich einen schöneren Zeitvertreib vorstellen, als mit einem Säugling, der zu seiner Amme zärtlich ist, der sie streichelt, während er trinkt; mit einer Hand entblößt und befingert er die Brust und mit der anderen Hand greift er nach ihrem Haar oder ihrer Halskette und spielt damit. Mit seinen Füßen strampelt er nach denen, die ihn stören wollen, und im selben Moment beschenkt er seine Amme mit tausend kleinen lächelnden Blicken aus seinen verliebten Augen … Welch Wonne, das anzusehen!“

Am kommenden Sonntag: Der Bänkelsänger

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