Wirtschaft : Das industrielle Herz Englands ist seit langem aus dem Takt

Bernd Hops

Querelen um Rover legen Strukturschwächen offen - Der Südosten Englands koppelt sich von den übrigen Regionen abBernd Hops

In den westlichen Midlands lässt der Verkauf des britischen Autobauers Rover durch den deutsche Mutterkonzern BMW alte Probleme wieder aufbrechen. Denn gerade auf die Automobilindustrie und ihre Zulieferer stützt sich ein Großteil der Arbeitsplätze in der Region mit über fünf Millionen Einwohnern. "Die Industrie beschäftigt hier direkt etwa ein Viertel der Menschen, in manchen Teilen sogar bis zu 50 Prozent. Und die meisten Dienstleister sind von ihr abhängig", sagt David Ritchie, Regionaldirektor für die westlichen Midlands. Insbesondere in der Universitätsstadt Birmingham versuche man eine Neuausrichtung der Wirtschaft, doch könne das nur langsam geschehen. "Die Probleme mit Rover sind ein harter Schlag. Mit jedem Arbeitsplatz in der Autoproduktion sind zwei bis drei bei Dienstleistern und Zulieferern verbunden. Bis zu 40 000 Arbeitsplätze stehen so auf dem Spiel", erklärt Ritchie. Dies sei besonders tragisch, da das Rover-Stammwerk in Longbridge seine Produktivität im vergangenen Jahr um 28 Prozent gesteigert hat.

Großbritannien ist zweigeteilt. Während die Wirtschaft im Süden Englands seit Jahren expandiert, hinken die übrigen Regionen hinterher. Ende 1999 lag die Arbeitslosigkeit im Südosten, in dem sich High-Tech-Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Dienstleister konzentrieren, bei vier Prozent. Gleichzeitig arbeitet im Königreich nirgends ein höherer Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung als dort. Der Norden weist dagegen Arbeitslosenquoten von bis zu 8,7 Prozent aus und hat Löhne, die weit unter dem britischen Durschnitt liegen. Seit Jahrzehnten kämpfen die altindustriellen Regionen Englands darum, den wirtschaftlichen Anschluss zu schaffen. Die Erfolge sind trotz Milliardenbeträgen aus Brüssel und London gering. In den kommenden drei Jahre stellt die britische Regierung über 785 Millionen Pfund (etwa 2,5 Milliarden Mark) allein zur Unterstützung der Industrie in strukturschwachen Regionen zur Verfügung. Zu lange dominierten Kohle und Stahl.

Eine große Zahl regionaler Entwicklungsgesellschaften und Förderprogramme überzieht mittlerweile England. Dass die Zentralregierung in London häufig Programme überarbeit oder neue Einrichtungen zur Wirtschaftsförderung etabliert, schreckt Investoren eher ab, sich auch in entlegeneren Regionen Englands zu engagieren. Bis auf Industriekonzerne gehen sie meist sofort nach London und seine Umgebung. Die Labour-Regierung unter Tony Blair installierte 1999 regionale Entwicklungsagenturen nach schottischem und walisischem Vorbild. Einrichtungen wie die English Partnerships (EP), die unter anderem brachliegende Industrieflächen vermarkten, bleiben jedoch erhalten. Eine Sprecherin der EP gibt zu: "Das ist sehr kompliziert. Teilweise verstehen wir die Strukturen selber nicht."

Zusätzlich belastet das Pfund besonders die exportorientierten Industriebetriebe. Seit 1996 gewann die britische Währung unter anderem gegenüber der Mark über 40 Prozent an Wert, dadurch verteuerten sich die Produkte von der Insel und sind auf dem Weltmarkt weniger konkurrenzfähig. Die Klagen der Wirtschaftsverbände zeigten jedoch kaum Wirkung, denn das Wachstum für Großbritannien ist immer noch dank einer ungebrochenen Binnennachfrage und innovativer Dienstleistungsunternehmen hoch. Bloß die Industrieproduktion schrumpft zusehends. Auch BMW gab als einen wichtigen Grund für seine Trennug von Rover das starke Pfund an. Weitere Autobauer wie Ford überlegen ebenfalls laut über mögliche Konsequenzen.

Abschreckend auf Investoren wirkt sich ebenfalls das Ausbildungsdefizit im Norden Englands aus. Moderne Unternehmen finden kaum qualifzierte Kräfte, zu sehr ist alles auf die traditionellen Industrien ausgerichtet. Anfang der 90er Jahre richtete die Regierung so genannte "Training and Enterprise Councils" ein, die jeweils in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft vor Ort gezielte Ausbildungsförderung betreiben sollten. Dies hat die Situation zwar etwas entspannt aber nicht nachhaltig verbessert.

Schlechte Erfahrungen mit dem Versuch, moderne Industrien anzusiedeln, machte die Stadt Newcastle. Mit großem Aufwand konnte Siemens davon überzeugt werden, gerade dort eine neue Chipfabrik zu errichten. Das Ende der hoch fliegenden Pläne kam schnell. Nach nur wenigen Monaten in Betrieb wurde das Werk wieder geschlossen, weil die Weltmarktpreise für Halbleiter einbrachen.

Andere Städte versuchen, für sich Marktlücken zu finden. Sheffield, eine einstige Stahlstadt, siedelte Multimedia- und Filmfirmen an. Gleichzeitig wurde es zum regionalen Einzelhandelszentrum, als ein Investor auf dem Gelände einer ehemaligen Stahlfabrik ein Einkaufszentrum nach amerikanischen Vorbild baute. Ein neuer Flughafen wurde eröffnet. Mit Millionen öffentlicher Gelder errichtete die Stadt Sportstadien und eine Schwimmhalle für internationale Wettkämpfe. Dass dies alles der lokalen Wirtschaft bisher nicht wieder auf die Beine helfen konnte, zeigt die Landkarte der Europäischen Union (EU) für regionale Förderungen: Die Stadt wird als besonders strukturschwach eingestuft.

Wirtschaftliche Erfolge in altindustriellen Regionen sind allerdings möglich. Dies zeigt ein Blick zum Nachbarn Schottland - oder über das Meer nach Irland. Die Region um Glasgow mauserte sich in den vergangenen Jahren zum Silicon Glen. Dort wird ein Großteil der europäischen Computer zusammen geschraubt, und dort konzentrieren sich High-Tech-Firmen. Auch für internationale Finanzdienstleister ist Schottland inzwischen eine gute Adresse. Ähnliches gilt für Irland. Dank niedriger Steuern, Fördergelder der EU und gut ausgebildeter Arbeitskräfte zieht das Land immer mehr ausländische Firmen an - darunter viele Finanzinstitute und Softwareunternehmen. Manche Beobachter sprechen sogar schon vom "Grünen Tiger".

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