Wirtschaft : Der Finanzplatz London vereint Tradition und Internet

Hendrik Bebber

Aus der "Compagnie der kaufmännischen Abenteurer für die Entdeckung unbekannter Landstriche" wurde schlicht "iX" (ausgesprochen "eix"). 1773 in einem Londoner Kaffeehaus gegründet, wählte sich die Londoner Börse nun Frankfurt als Partner für das neue Jahrtausend. Die Fusion ist wohl der gewaltigste Knalleffekt, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Grundfesten der Londoner City erschütterte.

Der erste "Big Bang" führte 1986 den globalen Handel per Computer in den "Stock Exchange" ein. Der zweite "Big Bang" war eine riesige Bombenexplosion, mit der die IRA 1992 das Zentrum der City in eine Trümmerlandschaft verwandelte. Der dritte "Big Bang" beendet jetzt die mehr als zweihundertjährige Eigenständigkeit der Londoner Börse. Es ist der Urknall für die Schöpfung des größten europäischen Finanzmarktes, über den 53 Prozent des Börsenhandels auf dem Kontinent ablaufen wird.

Hauptgrund für die Fusion mit Frankfurt ist die Globalisierung des Finanzmarktes durch das Internet und die damit entstandene Konkurrenz kleinerer, kostengünstiger Anlegerunternehmen. Die Banken wollen zudem Kosten vermeiden, die durch die Vielzahl von Handelsplätzen und Abwicklungssystemen entstehen. London hatte dank seiner traditionellen Rolle als das größte Banken- und Finanzierungszentrum der Welt eine Anpassung nicht als notwendig empfunden. Die Macht des "Stock Exchange" beruht hauptsächlich auf dem "Euromarkt", dem Handel mit den unvorstellbaren Mengen von Dollar, die außerhalb der USA zirkulieren. Hierin hat sich London in den vergangenen 25 Jahren eine Monopolstellung erworben. Daran gemessen mutet der einheimische Kapitalmarkt äußerst bescheiden an.

Als Margaret Thatcher 1979 die Börsenkontrolle abschaffte, war die "Globalisierung" zwangsläufig. Die großen Anleger fanden London zu eng und wichen auf ausländische Märkte aus. Dieses Stück des Kuchens will sich der "Stock Exchange" durch die Fusion mit Frankfurt nun zurückerobern.

Frankfurts "Xetra" ändert auch optisch die Londoner City. Täglich pendeln über 300 000 Menschen in die "Goldene Quadratmeile" um die St. Pauls Kathedrale, in der sich die größte Konzentration von Finanzunternehmen in der Welt befindet. Nur noch die wenigsten kommen mit "Schirm und Melone" zur Arbeit. Auch die knallbunten Jacken, die die wild gestikulierenden Marktmacher für Terminwaren noch tragen, sollen bald verschwinden, wenn dank "Xetra" der Handel über Monitore läuft.

Ob "iX" auch das traditionelle Motto "Mein Wort ist mein Siegel", übernimmt, ist noch nicht bekannt. Es stammt aus der Zeit, als die Börse sich als feiner Gentleman-Club verstand. Heute prägen E-Commerce und Internet das Erscheinungsbild der Börse und auch das politische Umfeld wandelt sich: Kurioserweise verschmolzen die Bastionen des europäischen Kapitals am Vortag zur Wahl des ersten Londoner Oberbürgermeisters, in der der linkssozialistische Ken Livingstone als haushoher Favorit gilt.

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