Wirtschaft : Die Bahn spart beim Service

Weniger Ticketverkäufer und Zugbegleiter – Bis Ende 2005 sollen im Fernverkehr fast 3000 Stellen wegfallen

Bernd Hops

Vor wenigen Wochen war die Bahnwelt wieder in Ordnung. Die alte Bahncard kehrte zurück. Und Bahnchef Harmut Mehdorn versprach wieder mehr Service und Kundennähe. Doch dieses Versprechen wird für den Konzern schwer zu erfüllen sein. Laut internen Unterlagen der Bahn, die dem Tagesspiegel vorliegen, plant der Konzern in den kommenden Jahren einen starken Stellenabbau in seiner Fernverkehrssparte Reise & Touristik. Bei Zugbegleitern und im Vertrieb – das heißt etwa in den Reisezentren der Bahn – soll es dabei die stärksten Einschnitte geben. Fast 3000 Stellen stehen bis Ende 2005 zur Disposition.

Kündigungen sind allerdings nicht zu erwarten. Bis Ende 2004 gilt ein Beschäftigungspakt, den die Bahn mit den Gewerkschaften geschlossen hat. Dadurch sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Stellen können jedoch trotzdem abgebaut werden, wenn freie Arbeitsplätze nicht neu besetzt werden. Die Gewerkschaften schätzen, dass etwa 37000 der rund 210000 Jobs bei der Bahn – ohne den im vergangenen Jahr übernommenen Logistiker Stinnes – gestrichen werden sollen. Der Konzern hat die Zahl nie bestätigt. Personalvorstand Norbert Bensel verweist stets darauf, dass es nicht das Ziel sei, eine bestimmte Stellenzahl, sondern Kosten einzusparen.

Trotzdem hat die Bahn in der Mittelfristplanung ihrer Fernreisetochter bereits die Stellensituation bis ins Jahr 2008 fortgeschrieben. Anfang 2003 arbeiteten hier noch 21700 Menschen. 2008 sollen es laut Bahnunterlagen nur noch rund 18850 sein. Leidtragende sind die Beschäftigten im Vertrieb. Von ehemals fast 6000 sollen in fünf Jahren 4670 übrig bleiben. Bei den Zugbegleitern sind es rund 3490. Anfang 2003 waren es noch 4133. Von Stellenstreichungen verschont wird der Planung zufolge nur der „Service im Zug“ – die Zahl der Mitarbeiter in den Bistros und Restaurants stagniert. In der Instandhaltung wird etwas mehr Personal beschäftigt. Doch auch wenn die Planung bis 2008 reicht: Der Stellenabbau soll bis Ende 2005 fast vollständig abgeschlossen sein.

Hintergrund ist der Sparkurs der Bahn. Ziel von Bahnchef Mehdorn ist die Sanierung des Konzerns, der zurzeit noch rote Zahlen schreibt. Unter anderem durch die Querelen um das neue Preissystem hat sich auch der Fernverkehr zum Verlustbringer entwickelt. Ab 2004 ist aber wieder Gewinn eingeplant. 2005 soll die Bahn dann reif für den Kapitalmarkt sein – unabhängig von einer Entscheidung des Alleineigentümers Bund über den Zeitpunkt einer Teilprivatisierung. Denn ein Börsengang scheint sich immer weiter hinauszuzögern, weil es in den Fraktionen im Bundestag kaum einen Befürworter für einen schnellen Gang aufs Parkett gibt.

Beim Vertriebspersonal will die Bahn vor allem dadurch sparen, dass Kunden verstärkt Automaten oder das Internet für den Ticketkauf nutzen. In einer Zeitschrift für Bahnführungskräfte nannte Jürgen Büchy, Leiter des Vertriebs Personenverkehr, kürzlich ehrgeizige Ziele. Zurzeit liege der Anteil von Automaten- und Internetverkauf an den gesamten Ticketeinnahmen bei etwa 15 Prozent. Die Zahl solle auf 30 bis 40 Prozent steigen. Außerdem plant die Bahn – laut internen Unterlagen – daneben die Schließung „unwirtschaftlicher Verkaufsstellen“.

Und schließlich hat die Bahn bereits für das kommende Jahr ein neues Vertriebsprogramm für die Computer der Mitarbeiter in den Reisezentren angekündigt. Mit dem bisherigen Programm ist die Suche noch sehr zeitaufwändig und führt teilweise zu Ergebnissen, die von Verbraucherschützern regelmäßig kritisiert werden. Die durch ein neues Programm gewonnene Produktivität will die Bahn nutzen – zu Stellenkürzungen.

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