Wirtschaft : Gucci: In der Schlacht gibt es noch keinen Gewinner

Vanessa Liertz

In der Schlacht um die Juwelen in der Luxusindustrie fällt den Kontrahenten immer etwas Neues ein. Gerade hat der Konzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) einen kleinen Sieg vor Gericht davon getragen, da wendet sich sein Gegenspieler Pinault Printemps Redoute (PPR) ebenfalls an die Justiz, um LVMH in die Schranken zu weisen. Lange schon versuchen die Nobel-Konzerne, sich gegenseitig die lukrativen Marken wegzuschnappen.

Jüngste Ereignisse: In der vergangenen Woche hat LVMH beim obersten Gerichtshof der Niederlande einen Prozess gewonnen, weil die Richter die Abwehrstrategie des italienischen Modemachers Gucci gegen LVMH für nichtig erklärten. Im Jahre 1999 hatte Gucci eine feindliche Übernahme des Luxuskonzerns befürchtet und zu diesem Zweck die französische PPR als "weißen Ritter" angeheuert. Denn LVMH, zu denen auch die Marken Dior und Givenchy gehören, hatte seinen Anteil an Gucci-Aktien auf 34 Prozent aufgestockt in der Absicht, dort die Führung zu übernehmen.

Die Abwehr gelang: Gucci führte eine Kapitalerhöhung durch und verwässerte damit den Anteil von LVMH am Unternehmen auf 20 Prozent. Außerdem verkaufte Gucci der Handelskette PPR ein Aktienpaket von 40 Prozent. Doch LVMH schlug zurück und klagte beim Handelsgericht in Amsterdam , das Gucci aber Recht gab. Daraufhin appellierte LVMH an die obersten Richter, die jetzt die Entscheidung der Kollegen annulliert haben. Nun soll das Amsterdamer Handelsgericht den Fall erneut prüfen.

Derweil hat sich auch PPR an die Justiz gewendet. Dies geschah, weil ein Sprecher von LVMH erklärt hatte, dass PPR nach dem Urteil seine Stimmrechte im Gucci-Konzern nicht mehr nutzen dürfe. Außerdem müsse das Geld, das PPR damals für Gucci-Anteile gezahlt habe, eingefroren werden. Zumindest die Botschaft von den nicht mehr zu nutzenden Stimmrechten hat LVMH nach der eingereichten Klage wieder zurückgezogen. "Die Schlacht um die großen Namen ist wie ein Tanz um das goldene Kalb", kommentiert Peter-Paul Polte, Chefredakteur der "Textilwirtschaft". Es gebe zwischen den beiden Konzernchefs, Bernard Arnault von LVMH und Francois Pinault von PPR auch jede Menge persönliche Animositäten.

Grund bei einer Flasche der hauseigenen Champagnermarke Moët & Chandon den Korken knallen zu lassen hat LVMH-Chef Arnault nach Ansicht von Marktbeobachtern nicht: "Warum sollte sich das gleiche Gericht in der nächsten Runde anders entscheiden?", sagt auch ein Berater von LVMH. Doch in Paris gibt man sich siegesgewiss. In einer LVMH-Mitteilung steht, dass "am Ende des juristischen Prozesses die Stornierung des PPR-Deals stehen sollte". Dann wollen sie allen Aktionären eine Lösung vorschlagen, die Guccis Unabhängigkeit und Wachstumsstrategie sichern würde.

Unklar ist aber dennoch, ob LVMH überhaupt noch vorhat, Gucci zu kaufen. LVMH und PPR haben sogar schon über einen Verkauf verhandelt. Bisher konnten sich die beiden Konzerne jedoch nicht über den Preis einigen. "Denen geht es nur darum, dass PPR so viel wie möglich für seine Rolle als weißer Ritter zahlen muss", sagt ein Analyst. Auch von einem Verkauf würde LVMH profitieren: Der Wert der Gucci-Aktie ist im vergangenen Jahr um rund 30 Prozent gestiegen.

Ohnehin steht LVMH als größte Marke der Branche mit einem Umsatz von rund zehn Milliarden Dollar an der Spitze, durch die sich das Unternehmen auch seinen Teil am Marktwachstum gesichert hat. Weltweit liegt der jährliche Umsatz der Luxusindustrie derzeit bei rund 24 Milliarden Dollar. Tendenz steigend. Goldman Sachs nennt für das erste Halbjahr 2000 im Schnitt ein Umsatzwachstum von 22 Prozent. Innerhalb der Branche ist Gucci kleiner, aber doch erfolgreicher als LVMH. Der Umsatz, der im vergangenen Jahr bei 1,2 Milliarden Dollar lag, wird sich nach Schätzung von Goldman Sachs in diesem Jahr fast verdoppeln. Der Kaufrausch hält an.

In den vergangenen Monaten hatte Gucci-Chef Domenico de Sole bei weiteren Marken zugeschlagen, darunter den Schweizer Boucheron-Uhren, weitere Zukäufe hat er auch schon angekündigt. LVMH stöbert ebenfalls nach zusätzlichen Luxusmarken. Denn weiter wachsen kann der Riese nur mit vielen exklusiven Marken, nicht mit wenigen Massenprodukten. In den letzten Monaten haben die Pariser einige Kosmetikfirmen eingekauft, darunter die amerikanische Fresh. Jetzt hätten sie Brillen im Visier, sagt ein Berater.

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