Immobilien : Ausgewählte „Gartenträume“

Ein kleiner Streifzug durch historische Parks im Norden von Sachsen-Anhalt

Waltraud Hennig-Krebs

Wer Sachsen-Anhalt hört, dem fällt vermutlich der Harz ein, vielleicht noch Dessau oder auch die Lutherstadt Wittenberg. Doch dass das Bundesland mit mehr als 1000 denkmalgeschützten Park- und Gartenanlagen eine der gartenreichsten Regionen Deutschlands ist, wissen nur wenige. 40 der schönsten und historisch bedeutsamsten Anlagen wurden von Denkmalpflegern und Gartenexperten seit 2002 zum Projekt „Gartenträume“ zusammengeführt und stehen in diesem Jahr erstmals im Mittelpunkt des Tourismusmarketings in Sachsen-Anhalt. Präsentiert werden landesweit – von der südlichen Region Halle-Saale-Unstrut bis zum nördlichsten Zipfel, der Altmark – vier Jahrhunderte Gartenkunst.

Den gesamten Investitionsbedarf für die Wiederherstellung der Anlagen schätzt Matthias Ulrich, der Koordinator des Projekts, auf 100 Millionen Euro. Bis zum jetzigen Zeitpunkt seien etwas mehr als die Hälfte durch Fördermittel der EU, des Bundes, des Landes, der Kommunen, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der Bundesumweltstiftung sowie durch private Partner in die Anlagen geflossen. Das zeige, sagt Ulrich, „dass das ein Vorhaben ist, bei dem neben den schon wiederhergestellten Schätzen deutscher Gartenkunst noch ein Weg vor uns liegt, auf dem wir Geduld, Leidenschaft und viele engagierte Partner brauchen, um als erstes Bundesland in Deutschland eine Zeitreise durch 400 Jahre Gartenkultur in Perfektion anbieten zu können.“

Doch Gartenbaukunst lässt sich nicht nur im gut 140 Quadratkilometer großen Gartenreich Dessau-Wörlitz, das zum Welterbe der Unesco zählt, genießen und selbstverständlich zu den 40 „Auserwählten“ gehört. Viele Gärten im Land schlummerten lange Zeit im Verborgenen und wurden erst für das „Gartenträume“-Projekt neu entdeckt.

Beispielsweise der historische Stadtpark Rotehorn in Magdeburg: Umschlossen von den Armen der Elbe liegt er gegenüber der Altstadt auf einer Insel mit Blick auf den Dom. Der beschauliche Promenadenweg entlang der Stromelbe lädt zum Flanieren ein. Alter, heimischer Gehölzbestand sowie ausgedehnte Wiesen mit den typischen Merkmalen der Elbauenlandschaft erwarten die Spaziergänger an der so genannten „Tauben Elbe“. Sie fließt seit 1908 durch die Parklandschaft in den idyllisch gelegenen Adolf-Mittagsee mit der Marieninsel. An der Spitze des Eilands, das über zwei hölzerne Brücken zu erreichen ist, steht malerisch der im Jugendstil erbaute Venustempel. Das im Stile einer englischen Parklandschaft gestaltete Areal erstreckt sich über 200 Hektar und ist nicht nur ein Erholungsgebiet mit einem gut ausgebauten Wegenetz für Radfahrer, Fußgänger und Inline-Skater, sondern auch ein Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere. So kann man mit ein wenig Glück Rehe, Fledermäuse und vor allem heimische Vogelarten beobachten. Auch der Biber hat hier eine Bleibe gefunden, wovon angenagte Baumstümpfe zeugen. Von dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Ausstellungsgelände, das im Rahmen der Deutschen Theaterausstellung 1927 im nördlichen Bereich entstand, sind neben der von Johannes Göderitz erbauten Stadthalle noch das Pferdetor und ein Aussichtsturm des Ausstellungs-Architekten Albin Müller erhalten.

Ebenfalls in Magdeburg liegen der Herrenkrugpark und in dessen unmittelbarer Nähe der Elbauenpark mit dem Jahrtausendturm und dessen interaktiver Ausstellung. Er wurde 1999 zur Bundesgartenschau angelegt und war damals schon sehenswert. Der Herrenkrugpark dagegen gehört zu Magdeburgs ältesten Gartenanlagen. Die grüne Oase am nordöstlichen Stadtrand wurde 1829 von Lenné umgestaltet. Aus dem ehemals landwirtschaftlich-gärtnerisch genutzten Gelände machte er einen herrschaftlichen Park: Ornamentale Teppichbeete laden zum Betrachten und Verweilen ein. 90 Baumarten, alles uralte Exemplare und im Sinne eines dendrologischen Lehrpfads mit Schildern versehen, säumen die gepflegten Wege und Wiesen. Und auch die Löwenplastik, 1845 zu Ehren des Magdeburger Bürgermeisters Francke aufgestellt, der sich in besonderem Maße für den Park eingesetzt hat, steht wieder restauriert an ihrem Platz.

Mit dem Auto eine gute halbe Stunde von Magdeburg entfernt liegt am Rande der Colbitz-Letzlinger Heide ein Schmuckstück unter den „Gartenträume“-Projekten: Haldensleben-Hundisburg. Wer den historischen Stadtkern von Haldensleben verlässt, den erwartet im Süden ein Landschaftspark englischer Prägung, den der Großgrundbesitzer und Unternehmer Johann Gottlob Nathusius (1760–1835) nach seinen Vorstellungen umgestalten ließ. Gut zu Fuß sollte man schon sein, um das etwa 100 Hektar große geschichtsträchtige Gelände im Bebertal zu erkunden. Schon Hoffmann von Fallersleben schätzte den Park mit seinen kostbaren und seltenen Gehölzen als inspirierenden Ort. Es ist vor allem das sorgsam komponierte Wechselspiel aus Sichtachsen und durch Baumgruppen getrennten Wiesenräumen, das einen faszinierenden Anblick bietet. Bäche und Teiche, Wald und Feldflur wechseln einander ab. Nur die gepflegten Wege und die so genannte Rousseau-Insel erinnern daran, dass es sich um einen künstlich angelegten „Garten“ handelt. Wer den terrassierten Aussichtsplatz auf der Hangkante erreicht hat und nur noch ein kurzes Stückchen weiterwandert, bekommt ein gartengestalterisches Kontrastprogramm geboten: die perfekte Symmetrie des Barockgartens von Schloss Hundisburg. Ohne politische Wende und die vielfältigen denkmalpflegerischen Möglichkeiten im wiedervereinigten Deutschland gäbe es dieses ehemalige „volkseigene Kulturdenkmal“ nicht mehr. Verfall, Verwilderung und großflächige Fehlnutzungen bestimmten das Bild des Ensembles. „Hier war ein Fußballplatz“, erklärt nüchtern der Leiter der Schloss- und Gartenverwaltung Hundisburg-Haldensleben, Harald Blanke, und zeigt an der Gartenfront auf die Schlossterrasse. Ziel sei es, so der „Schlossherr“, die Anlagen nach dem Vorbild des ältesten Gartenplans aus den Jahren um 1740 in Stand zu setzen. Doch der Laie merkt kaum, ob und wo gravierende Abweichungen zur historischen Vorlage bestehen. Denn die Anlage präsentiert sich mit den auf unterschiedlichen Niveaus terrassierten Teilen mit der für einen barocken Garten typischen Abfolge. Dazu gehört das Broderieparkett mit den symmetrisch strukturierten Beeten, die von kleinen Buchsbaumhecken umrahmt werden genauso wie das Rasenparterre oder die exakt geschnittenen Heckenbosketts. Es sei purer Geldmangel, dass die ornamentalen Beete nicht mit Blumen ausgefüllt seien, sagt Harald Blanke, der sein „Gartenreich“ häufig mit dem Fahrrad abfährt.

Mangelnde Geldmittel sind auch die Ursache dafür, dass der etwa 12 Hektar große Stadtpark von Tangerhütte und eines der beiden schlossähnlichen Herrenhäuser noch nicht in ihrer alten Schönheit präsentiert werden können. Dennoch lohnt ein Besuch unter fachkundiger Führung. Dabei erfährt man, dass die Entstehung eng mit der Entwicklung des hier geförderten Eisenerzes und des Unternehmers Franz Wagenführ verbunden ist. Er ließ den Park ab 1873 vor den Toren der Eisenhütte anlegen. Die räumlichen Strukturen und Elemente der Parkarchitektur sind heute zum größten Teil noch vorhanden und zeigen die früheren Gestaltungsideen. Am so genannten „Alten Schloss“, dem außen bereits renovierten ehemaligen Wohnsitz Wagenführs, beginnt die weitläufige Gartenanlage, auf der sich ein weiteres Herrenhaus befindet. Beide Gebäude sind unbewohnt. Geschlungene Wege führen durch Wald und Wiesen vorbei am Schwanenteich und einem 1883 künstlich angelegten Wasserfall, gesäumt von gut 100 verschiedenen europäischen und nordamerikanischen Baum- sowie zwölf Rhododendronarten. Sehenswert ist der große, filigran wirkende Kunstgusspavillon am Schwanenteich, der 1889 in der „Tangerhütte“ für die Pariser Weltausstellung angefertigt wurde und anschließend seinen Platz im Park fand. Er besteht aus 441 Einzelteilen und wird von mehr als 1000 Schrauben zusammengehalten.

Ein weiteres „Gartenträume“-Projekt in der Altmark ist der Schlosspark von Krumke, unweit von Osterburg gelegen. Schloss und Park sind Bestandteil eines Dorfensembles. Das Schloss, das in der Mitte des Parks liegt, wurde 1854 bis 1860 nach englischen Vorbildern im neugotischen Stil erbaut. Bis zur Wende war es Erholungs-, Alters- und Kinderheim und stand dann leer. Vor zwei Jahren zogen zwei Privatleute ein, die es in Etappen restaurieren und sanieren wollen. Ebenfalls privat genutzt und bereits in alter Pracht präsentiert sich die Orangerie am Eingang des Parks. Bemerkenswert ist neben weiteren originalen Bauwerken der alte Baumbestand, darunter Blutbuchen, Sumpfzypressen, Stechpalmen und auch Gingkobäume. Doch ein wahres Highlight unter den Gehölzen dürfte die meterhohe Buchsbaumhecke sein. „Die ist rund 400 Jahre alt und die älteste ihrer Art nördlich der Alpen“, erzählt Ulf Garlipp, der für den Park zuständige Gärtner. Er betreut die etwa elf Hektar große, gepflegte Anlage. Geschlungene Wege führen durch waldartige Parkteile zu einem Karpfenteich, zu üppig wachsenden alten Rhododendren, einem liebevoll angelegten Rosengarten und zu einem Alpinum. Ein Kuriosum sind zwei Sandsteinfiguren ohne Kopf aus der Zeit des Barock. „Die bleiben kopflos“, sagt Ulf Garlipp, weil niemand wisse, wie sie ursprünglich aussahen. Enthauptet wurden sie, so erzählt die Legende, in weinseliger Stimmung von einem schießwütigen Schlossherrn. Für diese These spricht der auf einem Weinfass reitende Bacchus, der den waffennärrischen Hausherrn und die Jahrhunderte unversehrt überstand.

Etwa eine Autostunde vom Krumker Park entfernt liegt inmitten der Altmark die Hansestadt Gardelegen. Beachtliche mittelalterliche Bauten zeugen vom einstigen Reichtum. Die noch heute vorhandene Wallanlage führt als gut zwei Kilometer langer, grüner breiter Ring um die Altstadt, so dass sich reizvolle Blicke auf historische Gebäude ergeben. Der mit exakt ausgerichteten prachtvollen Linden bepflanzte Promenadenweg geht vorbei am Stadtgraben und der teilweise erhaltenen alten Stadtmauer, er führt den Spaziergänger weiter zu einem großen Teich und zu Tiergehegen. Der „grüne Ring“ ist größtenteils wieder hergestellt und ist ein erfreuliches Beispiel dafür, dass das „Gartenträume“-Projekt nicht nur klassische Parks und Landschaftsgärten präsentiert.

Weitere Informationen: Das kostenlose Magazin „Gartenträume“ und Reisetipps gibt es bei der Landesmarketing Sachsen-Anhalt GmbH, Info-Telefon: 0180 / 5372000 (10 bis 18 Uhr, 0,12 Euro pro Minute) und im Internet unter: www.sachsen-anhalt-tourismus.de, www.gartentraeume-sachsen-anhalt.de.

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