Immobilien : Bald begehrt wie die Fabrikantentochter

JÖRN PESTLIN

Auch nach der Sanierung übersteigen die Wohnungsmieten nicht die Grenze von zehn Mark pro Quadratmeter

Stets fest im Blick haben die zwei Männer die verblichene Schönheit der Straße - und die flanierenden Fremden: "Fotografiert hier nicht nur rum, sondern fangt endlich an, etwas zu machen", rufen sie von ihrer Hollywood-Schaukel herüber.Denn bisher wollen die verbliebenen Einwohner von Marga noch nicht so recht glauben, daß es mit der Sanierung und Modernisierung ihrer Siedlung endlich losgehen soll.Viele Mieter hatten diese Hoffnung schon aufgegeben und der Gartenstadt den Rücken gekehrt.Mittlerweile stehen über 40 Prozent der Wohnungen leer, und das beschleunigt die bauliche und soziale Erosion der ehemaligen Werkssiedlung zusätzlich.Nun aber will sich der Eigentümer endlich seiner Siedlung annehmen.

Liebevoll gepflegte und bewirtschaftete Gärten neben wild wucherndem Unkraut; Linden, Rotdorn, Eschen, Robinien und Spitzahorn flankieren die Straßen der Kolonie.Dennoch kann das üppige Grün den allgegenwärtigen Verfall nicht verdecken.Schon das Braunkohlenkombinat Senftenberg, Eigentümer der Siedlung zu DDR-Zeiten, hatte zumeist nur das Nötigste für Marga getan.Nicht etwa Prämissen des Denkmalschutzes bestimmten den Umgang mit dieser kleinen Stadt, sondern politisches Desinteresse, befördert durch den chronischen Mangel an Baumaterialien.

Nicht einmal die "Wende" brachte im Fall Marga eine Wende.Zunächst ging die Siedlung mit dem Braunkohlenkombinat Senfteberg ins Eigentum der Treuhand, dann, im Jahr 1994, in den Bestand der Immobilientochter Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) über.Ihr oblag nun die "Verwertung" der mehr als 70 Wohnhäuser, der in eigenen Gebäuden untergebrachten Sanitär- und Waschräume sowie Schule, Kaufhaus und Gasthof.

Auftragsgemäß suchte die TLG zunächst Käufer für das städtebauliche Ensemble.Doch das erwies sich als schwierig.Zwar war bereits Ende 1996 mit der Berliner Germanius Grund-, Immobilien- und Vermögensverwaltung GmbH und der Rebaco Baubetreuungsgesellschaft mbh ein Vertrag unterschriftsreif.Der aber platzte im August 1997.Aus Sicht der Investoren ließ sich kein wirtschaftlich tragfähiges Konzept stricken: Der Kaufpreis der TLG lag so hoch, daß auch die Gelder aus den verschiedenen Fördertöpfen nicht langten, um eine marktgerechte Verzinsung für das Eigenkapital der Erwerber sicherzustellen.

"Nun macht die TLG ein großes Arbeitsbeschaffungsprogramm für die eigenen Leute", sagt Juniorchef Boris Quiotek bei Germanius.Das sei die eigentliche Ursache dafür, daß die Verkaufsverhandlungen scheiterten.Sollte die TLG ursprünglich ihre Immobilien schnell verkaufen, setzt sie sich nun immer öfter das Ziel, die Liegenschaften zu entwickeln und zu bewirtschaften (siehe auch nebenstehenden Artikel).Auch im Fall Marga entschloß sich die TLG Ende 1997, die Sanierung in die eigenen Hände zu nehmen.Rund 78 Mill.DM wird sie in den nächsten zwei Jahren in die denkmalgerechte Sanierung und Modernisierung der Gebäude und Außenanlagen investieren.

Diese Aufgabe erleichtern der TLG zinsvergünstigte Kredite aus dem Wohnungsbauförderprogramm des Landes Brandenburg und aus dem Fond der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).Außerdem sollen für den Gasthof "Kaiserkrone" und das ehemalige "Ilse-Kaufhaus" die Fördertöpfe des Bundesinnenministeriums und der EU abgeschöpft werden.Für die 247 Wohnungen und die Gestaltung des landschaftlichen Umfeldes im ersten Bauabschnitt stellt das Land einen Förderkredit über 19 Mill.DM zur Verfügung.Hinzu kommen noch 8,3 Mill.DM von der KfW.Außerdem steuert das brandenburgische Arbeitsministerium 2,5 Mill.DM aus dem Topf des europäischen Sozialfonds bei; damit lassen sich 240 ABM-Stellen schaffen.

Dank dieses gut geschnürten Förderpaketes kann die Lausitzer Braunkohle Wohnungsgesellschaft (LBW), einer Tochter der TLG, die Wohnungen an deren Mieter für 9 DM zurückzugeben - und zwar saniert und modernisiert.Neue Verträge sollen für 10 DM netto kalt pro Quadratmeter geschlossen werden.Damit hat die TLG gute Karten im Wettbewerb um die Mieter in der strukturschwachen Region.Attraktiv sind nicht allein die Mieten, sondern auch das historische Flair und die dank des vielen Grüns gute Wohnqualität.Dadurch erfreut sich das Mieterbüro vor Ort regen Zulaufs; es vermeldet zahlreiche Wohnungsanfragen, nicht nur von rückkehrwilligen "Ehemaligen".

Marga verdeutlicht, daß die strengen Auflagen des Garten- und Denkmalschutzes nicht nur auf der Kostenseite des Investors zu Buche schlagen müssen.Sie sind auch ein Pfund, mit dem man wuchern kann.Dies will zumindest die TLG erkannt haben.Dabei beläßt es die Eigentümerin aber nicht.Sie vergrößert außerdem die Wohnungen.Im Schnitt waren diese 52 Quadratmeter klein; nach der Sanierung werden es 68 Quadratmeter sein.

"Marga war und wird keine Schlafstadt auf der grünen Wiese", sagt der Architekt und Stadtplaner Olaf Gibbins.Der Chef des in Brieske federführenden Planungsbüro Gibbins, Bultmann und Partner kann bereits auf Erfahrungen mit der Wiederherstellung historischer Bauten verweisen: Sein Büro begleitete die gerne als vorbildlich angeführte Sanierung der Berliner Karl-Marx-Allee.Für Gibbins ist Marga "ein lebendiger kleinstädtischer Organismus".Die Siedlung lasse jedem seiner Bewohner viel Raum zum Leben und biete eine vollständige Infrastruktur zur Nahversorgung: von der Kita bis zum Friedhof, von der Sparkasse bis zum Gasthof.Und dieser Bestand soll noch ergänzt werden: Weitere kleine Gewerbeflächen entstehen auf dem künftigen "Marga-Hof" an der Nordwestseite des Marktplatzes, im Umfeld des ehemaligen Kaufhauses."Wer sich in seinem Wohnumfeld wohl fühlt, identifiziert sich damit und auch mit seinen Nachbarn", glaubt Gibbins.Er hofft, das "Wir-Gefühl" der DDR-Zeit in einer ideologiefreien, zeitgenössischen Form wieder aufleben lassen zu können.

Inzwischen sind die ersten Schritte getan.Sperrmüll, Schrott und Schutt - das Erbe der letzten Jahrzehnte - räumten 128 ABM-Kräfte ab.Das Kaufhaus ist von nachträglichen Anbauten befreit.Anfang Juli gaben der Brandenburgische Minister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr Hartmut Meyer sowie Arbeits- und Sozialministerin Regine Hildebrandt den Startschuß für die Sanierung.In zwei Jahren - wenn die Bauarbeiten planmäßig abgeschlossen werden - dürfte dann auch die Bronzeplastik der Namenspatronin der Gartenstadt wieder auf ihrem Sockel stehen.

Das 80 Zentimeter große Standbild der Fabrikantentochter war nur drei Wochen nach seiner Enthüllung spurlos verschwunden.Ein gutes Omen - unwiderstehlich war das Abbild der "Perle" Marga für die Langfinger ganz ohne Zweifel; und vielleicht geht es den Bewohnern und Besuchern mit "ihrer" architektonischen Perle nach deren Sanierung auch so.

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