Immobilien : Beamte fürchten die Transparenz - Chefs auch

KIRSTEN NIEMANN

"Fragt man in einem Büro, was sich die Angestellten so unter Kommunikation vorstellen", sagt der Büro-Ausstatter Randolf Dehmel, "dann haben alle nur die Technik im Sinn".Sie würden an Fax, Internet und Handy denken."Alles Quatsch", findet der Fachmann.Das Wichtigste sei das Gespräch von Angesicht zu Angesicht - das zu ermöglichen oder aber zu verhindern, sei die Aufgabe zeitgenössischer Bürogestaltung.

So versteht Dehmel seinen Job darin, selbst unter widrigen Voraussetzungen Kommunikation und konzentriertes Arbeiten unter einen Hut zu bringen.Keine leichte Aufgabe, da die meisten Büroangestellten in "diesen Gipskartons" arbeiten, wie er die kleinen, von Rigipswänden geteilten Bürozellen nennt.Hier bilden zwei gegenüberstehende Schreibtische üblicherweise die Sitzordnung."Völlig unbrauchbar", sagt der Fachmann.Da müsse nur einer der Mitarbeiter aufblicken oder irgendetwas murmeln, schon sei sein Gegenüber abgelenkt.Nur wenn man sich nicht sehe, höre man auch erst einmal weg.

Aus dieser Lehre zieht Dehmel seine Konsequenzen.Er empfiehlt eine Lösung, die auf der ersten Blick verpönt erscheint: die zwei Schreibtische an die jeweils entgegengesetzte Wand schieben, so daß die Kollegen Rücken an Rücken sitzen, mit dem Blick auf die Wand oder - wenn ein Fenster da ist - ins Freie gerichtet.Ganz verstummen sollen die Gespräche in diesem Raum aber natürlich nicht, deshalb plaziert der Einrichter in der Raummitte einen Container; er bildet die "Kommunikationszone".Daraus folge für den Experten: "Wer seinem Gegenüber etwas mitteilen möchte, muß sich erst umdrehen oder aufstehen".Umständlich gewiß, aber genau das sei auch erwünscht, denn es verhindert Smalltalk - wenn die Kollegen kommunizieren, dann tun sie es gezielt."Im Sitzen abtauchen und konzentriert arbeiten - im Stehen den Raum erleben", sagt Dehmel.

Diese Strategie ist ein Kniff, aber natürlich kein Ideal.Das ist für den Austattungsexperten ein "transparentes Büro".Einzelne Arbeitsplätze entstehen hier nicht hinter Trennwänden, sondern durch eine lockere Gliederung des Großraums, vorzugsweise mit Hilfe von Glaswänden.Eine solche Lösung hat aber nicht nur Freunde: "Die Leute fürchten um ihre Privatsphäre", sagt Dehmel und erzählt mit einem hämischen Lächeln eine Anekdote von der Umgestaltung einer Berliner Amtsstube.Die langen dunklen Flure sollten etwas Tageslicht bekommen, dazu wurden Glasscheiben in die Türen der Räume eingesetzt.Die gute Idee aber scheiterte an den gemütlichen Beamten.Sie behängten die Scheiben mit Lamellenjalousien - der Flur blieb dunkel."Die Leute haben Angst vor Kontrolle", sagt Dehmel, fügt aber verwundert hinzu: "Haben Sie schon mal jemanden gesehen, der sein Ohr an eine Glaswand presst, um zu lauschen?"

Nicht nur Beamten fürchten die Transparenz, auch in den Chefetagen kommt das vor.Große Schreibtische, wattierte Türen, unter Umständen eine Gegensprechanlage, das waren die Schutzschilde des Bosse.Zeitgenössische Teamarbeit zwingt zum Umdenken.Fachmann Dehmel empfiehlt leitenden Angestellten multifunktionale Schreibtische optisch gegliedert "wie Schlagzeug-Sets".An diesen Tischen habe jeder Bereich seine Funktion, und der integrierte Stehpult gehöre natürlich auch dazu.Ein Stehpult bringe eine Zeitersparnis von bis zu 40 Prozent wollen Experten festgestellt haben, weil sich die Angestellten nicht mit langen Vorreden aufhalten, wenn sie von ihrem geschäftigen, ebenfalls stehenden Chef eine Unterschrift wünschen.Ist der Boss aber in Plauderstimmung, dann rollt er den runden Beistelltischtisch heran, und das kleine Möbelstück stellt eine neutrale Gesprächssituation her: Statt Hierarchie symbolisiert es zwei Partner am "runden Tisch".Flexibilität steht bei der Büroplanung heute allenthalben an oberster Stelle, oft schon deshalb, weil Platzmangel herrscht.

Einige Unternehmen mit vielen Mitarbeitern im Außendienst bieten überhaupt keinen festen Arbeitsplatz mehr an."Schreibtisch-sharing" lautet die Devise.Wer gerade von Kundenbesuchen zurückkehrt, holt sich seinen persönlichen Rollcontainer beim Pförtner ab, der ihm dann irgendeinen, gerade freien Arbeitsplatz zuweist.Wenn der Außendienstler den Schreibtisch erreicht hat, ist seine persönliche Durchwahl auf das Telefon geschaltet - und der Computer hochgefahren.

"Das Schreibtisch-sharing wird sich aber kaum durchsetzen," sagt Dehmel.Der eigene Arbeitsplatz schaffe Identität: Urlaubspostkarten und die persönliche Zimmerlinde sind dabei unentbehrlich.In Rollcontainer paßt selten genug Persönliches hinein.Beliebter ist deshalb das variable Büro.Das besteht aus einem vielseitig einsetzbaren Tisch auf Rädern und dem dazugehörigen Wandregal.In dem Regal sind Telefon, Computer und Drucker untergebracht und durch die Rollen an den Möbeln kann der Tisch mit wenigen Handgriffen an die gerade gewünschte Stelle geschoben werden: An die Wand für konzentrierte Arbeit, ans Fenster um den Gedanken freien Lauf zu lassen oder in die Mitte des Raumes um Konferenzen abzuhalten.Entscheidender Nachteil dieses multifunktionalen Arbeitsgerätes: Es zwingt zum Aufräumen.

"Organisatoren und Arbeitgeber reiben sich dafür die Hände", sagt dagegen Dehmel, Ordnung erhöhe schließlich die Produktivität.Was aber der normale Büroangestellte von diesen Konzepten hält, das bleibt vorerst abzuwarten.Dehmel ist dies durchaus bewußt.In den Köpfen der Leute müsse noch einiges passieren, damit die schöne neue Welt der Büroausstatter Wirklichkeit werden kann.

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