Immobilien : Berlin oder Paris?

Die Hausnummernsystematik in der Hauptstadt.

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Berliner wissen, bei den Hausnummern geht es mal so und mal so. Genauer gesagt, einmal nach dem Zählmodus, den man bundesweit als „Berliner System“ kennt. Vom Stadtzentrum aus gesehen steigen auf der rechten Seite in der Straße die Hausnummer an, ab Straßenende geht es auf der linken Seite wieder zurück. Nach diesem System verlaufen sich Berlintouristen auf dem Kurfürstendamm stets scharenweise.

Die neuzeitliche Hausnummernregelung nach Straßenzügen geht auf Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. zurück, der das 1799 so genehmigt hatte. Wer will, kann diese Art, die Häuser zu nummerieren, auch das „Preußische Hufeisen“ nennen. Manche Historiker formulieren es so und halten fest, dass der Berliner Polizeipräsident Johann Philipp Eisenberg wohl die Idee entwickelt hatte.

Fast überall in Europa steigen die Hausnummern vom Stadtzentrum (oder was man dafür hält) nach außen hin an. In Berlin ist die Mitte der Mitte das Stadtschloss – derzeit allerdings „under construction“, wie man zu sagen pflegt. Die echte Mitte Berlins muss man sich halt noch denken.

Auch bei dem anderen Zählmodus für Hausadressen, der in Berlin völlig gleichberechtigt gilt – dem „Pariser System“ – erhöhen sich vom Zentrum aus gesehen die Hausnummern; aber: Rechts stehen nur die geraden Zahlen, links die ungeraden. Diese Art der wechselseitigen Nummerierung hatte sich zunächst im Süden Deutschlands durchgesetzt – man hielt sich dort an das Vorbild der napoleonischen Verwaltung. Frankreich war, sieht man von den Ruppigkeiten der Französischen Revolution einmal ab, Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchaus ein anerkanntes Innovationszentrum für Verwaltungsdinge.

Das Pariser System ist in der Tat praktischer für Boten, Reisende, Droschkenfahrer und für alle anderen auch. Dazu kam, dass die Berliner mit ihrer bekannten Lässigkeit in kleinen Dingen auch schon einmal reihenweise Nummern übersprangen oder sich in Seitenstraßen hinein verzählten. Mark Twain meckerte darüber 1892 in der „Chicago Daily Tribune“, es herrsche „ein Chaos wie vor der Erschaffung der Erde“. Etwas Schlimmeres als in Berlin habe er noch nirgendwo gesehen; nun, der weltgewandte Reisende kannte damals Tokio noch nicht.

Das Chaos war in der Tat nicht ohne, denn viele Städtchen im Berliner Umland, darunter auch das zu dieser Zeit noch selbstständige Zehlendorf, waren auf die französische Methode eingeschworen. Berlin ließ sich schließlich nach 130 Jahren mit der Hufeisenzählung umstimmen und wählte ebenfalls die „wechselseitige Nummerierung“. In der deutschen Hauptstadt muss man nur wissen, welche Straße vor oder nach dem 15. Januar 1929 nummeriert wurde; dann hat man den Dreh ein für alle Mal raus.

Doch keine Regel ohne Ausnahme: Die Hausnummern der Friedrichstraße werden korrekt in preußischer Manier geführt, ums Eck die historische Allee Unter den Linden ist neuzeitlich à la française nummeriert: Das wurde zu DDR-Zeiten von Walter Ulbricht so verfügt. Der hielt sich, nebenbei gesagt, auch für einen großen Städtebauer.

Es geht aber auch noch komplizierter. Unter den Habsburgern hatte sich die Hauskennzeichnung mit Konskriptionsnummern etabliert. Das soll heißen: Jedes neue Haus bekam seine Hausnummer vom laufenden Stapel, egal wo das Gebäude stand – in größeren Städten führt das zwangsläufig geradewegs zum totalen Chaos.

In Tschechien und der Slowakei hat sich dieses System bis heute erhalten – was man in der Hauptstadt an der Moldau und anderen großen Städten der beiden Länder mit böhmischer Gelassenheit pariert: Ein Pavel Kohout hat in Prag eben zwei Hausnummern – eine rote aus k. u. k. Zeiten und eine moderne blaue Orientierungsnummer für Briefträger, Taxifahrer und Besucher. Klaus D. Voss

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