Immobilien : Bernstein und Betongold locken an die Ostsee Wer Krisenländer meidet, legt in Deutschland an

Auf Rügen entstehen im Fischerdorf Glowe derzeit 42 Ferienhäuser. Foto: Stefan Sauer/dpa
Auf Rügen entstehen im Fischerdorf Glowe derzeit 42 Ferienhäuser. Foto: Stefan Sauer/dpaFoto: dpa

Auf der Ostseeinsel Rügen künden in fast jedem Seebad Bauschilder von neuen Projekten. In Glowe auf Rügen errichtet der Immobilienkonzern NCC Deutschland derzeit eine Siedlung mit 42 reetgedeckten Häusern, in einem zweiten Bauabschnitt sind 70 weitere Häuser geplant. „Die Menschen investieren in Betongold“, sagt NCC-Immobilienverkäufer Thomas Maron. Drei bis vier Anfragen von potenziellen Interessenten gehen derzeit täglich bei ihm ein. Die Mehrzahl der Käufer stamme aus dem Berliner Raum und Nordrhein-Westfalen – zunehmend auch aus Süddeutschland: „Darunter sind auch einige, die bereits in Spanien investiert haben und es wegen der Krise dort jetzt lieber in Deutschland tun.“ Ein Zweithäuschen oder eine Zweitwohnung in Strandnähe ist der Traum vieler Deutscher. Nach Angaben des Immobilienverbandes Deutschland Nord hat die Nachfrage nach Ferienimmobilien an der Ostseeküste in den vergangenen zwei Jahren deutlich angezogen. „Mit der Finanzmarktkrise sehen viele Käufer in einer Ferienimmobilie eine sichere Anlageform“, sagte Verbandssprecher Peter-Georg Wagner. Die Preise in Küstennähe seien „überdurchschnittlich“ gestiegen – um fünf bis zehn Prozent pro Jahr, während sie im Hinterland stagnierten.

Auch an der Nordseeküste gibt es ein überdurchschnittlich hohes Interesse an einer Ferienimmobilie. Einer im Juni veröffentlichten Marktstudie des Ferienhausanbieters HomeAway Fewo-direkt und der Immobilienfirma Engels & Völkers zufolge befinden sich in diesem Jahr erstmals mehr als die Hälfte der Ferienunterkünfte (52,5 Prozent) in Deutschland. Auf Platz zwei liegt Spanien mit 11 Prozent. Vor allem Objekte an der deutschen Nord- und Ostseeküste sowie auf den Ostseeinseln erfreuten sich steigender Beliebtheit, heißt es in der Studie. Die Wertsteigerungsraten der Immobilien seien mit 27 Prozent an der Nordseeküste und 19 Prozent an der Ostsee am höchsten. Auch der Vizepräsident des Immobilienverbandes Deutschland, Jürgen Michael Schick, sagt. „Die beliebteste Regionen bei Käufern von Ferienimmobilien sind die Nord- und Ostsee.“ Interessenten gibt es reichlich: Inflationsangst, die Sorge um den Euro und der Mangel an Alternativen und lukrativen Anlageformen treiben den Immobilienmaklern derzeit die Kunden zu. Neben dem klassischen Anleger kaufen aber auch Familien ein Urlaubsdomizil an der Küste: zur Selbstnutzung mit den Kindern, später als Altersvorsorge. Über die Vermietung der Immobilien werden die Kredite refinanziert. Laut der Studie war für 62,5 Prozent der befragten Ferienimmobilienbesitzer das Vermietungspotenzial grundlegend für den Kauf. Der Tourismusverband von Mecklenburg-Vorpommern schätzt, dass neben den offiziell gezählten rund 27,6 Millionen Übernachtungen in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen fast genauso viele noch einmal auf den statistisch nicht berücksichtigten kleingewerblichen Ferienwohnungs- und -häusersektor entfallen.

Über die solventen Käufer, die ihre Rendite durch die Vermietung ihrer Ferienimmobilie erwirtschaften, ärgern sich vor allem Hotelier und Pensionsbesitzer. „Die Mieter bringen ihr Essen und Trinken mit. Die Besitzer beteiligen sich nicht an der touristischen Infrastruktur“, kritisierte der Dehoga-Hauptgeschäftsführer von Mecklenburg-Vorpommern, Uwe Barsewitz. Auf der Ostseeinsel Usedom – so die Kritik des Hotelier-Verbandes – sinke die Auslastung der Zwei- und Drei-Sterne-Häuser, weil Ferienwohnungen und -häuser überhandnähmen.

Ob die Erwartungen der Käufer auf üppige Renditen bei der Vermietung ihrer Objekte weiterhin erfüllt werden, ist offen. Der Landestourismusverband in Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet bereits erste Signale, dass Ferienwohnungen mit minderer Ausstattung oder in B- und C-Lagen schlechter vermietet werden als in den Vorjahren. Neben dem wachsenden Angebot an hochwertigeren Quartieren wird auch das durchwachsene Sommerwetter für die Entwicklung verantwortlich gemacht. dpa

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