Immobilien : "Brandschutz vernachlässigt"

FRAGEN GERHARD WISTUBA

Experten fordern Auflagen / Bislang nur Kann-VorschriftenFRAGEN VON GERHARD WISTUBA Die Firma Steinicke Industrievertretungen vertreibt Bauelemente für Lüftungs- und Klimaanlagen und für den vorbeugenden Brandschutz.Der Chef des Unternehmens, Eckhard Steinicke, forderte kürzlich auf einem Symposium der Gebäudeausrüster ABB Gebäudetechnik strengere Vorschriften für den Brandschutz und die technische Ausstattung von Gebäuden.Mit Steinicke sprach Gerhard Wistuba. TAGESSPIEGEL: Brände sind nie vorherzusehen.Wie können Menschen und Gebäude geschützt werden? STEINICKE: Der vorbeugende Brandschutz beginnt bei der Bekämpfung des Rauches.Es brennt nicht von der ersten Sekunde an lichterloh.Bei Schwelbrand entsteht Kaltrauch, und der hat Zimmertemperatur.Menschen verbrennen meist nicht, sondern sie erstiêken in dickem Qualm.Zehn Kilogramm Schaumgummi zum Beispiel ergeben 20 000 Kubikmeter hochgiftiger Gase.Deshalb muß verhindert werden, daß sich der Rauch im Gebäude ausbreitet.Die wichtigste Vorkehrung ist, kleine kontrollierbare Brandabschnitte zu schaffen.Durch automatischen Verschluß aller Verbindungen zu anderen Räumen wird die Brandstelle eingeschlossen.Brandschutzklappen verschließen die Entlüftungskanäle.Oft schließen diese Bauelemente aber nicht richtig, weil sie verschmutzt oder defekt sind und nicht regelmäßig gewartet wurden.Auch Rauchgasmelder, montiert an Decken, in Entlüftungskanälen und in Müllsammelräumen, sind wichtig.Alle Bauteile im Mauerwerk sollten zudem im Idealfall hitzebeständig sein.Das Gips-Glasfaser-Gemisch, das oft für Entlüftungsschächte verwendet wird, löst sich auf wie nichts.Dann fehlt jede kontrollierte Lüftung, und Rauch wie Feuer breiten sich im ganzen Gebäude aus.Das geht innerhalb von wenigen Minuten.Die Feuerwehr ist in Berlin im Durchschnitt nach 10 Minuten an der Brandstelle.Bis dahin müssen die technischen Einrichtungen Vorarbeit leisten. TAGESSPIEGEL: Wird nicht schon lange nach diesen Erkenntnissen gebaut? STEINICKE: Nein.Die Ausbildung zum vorbeugenden Brandschutz ist an den Universitäten und Fachhochschulen sehr mangelhaft.Dadurch werden in der Praxis und bei der Entwicklung von Bauteilen viele Fehler gemacht.Billige Brandschutzklappen, zu bekommen ab 400 DM, reagieren bei etwa 80 Grad Celsius.Das ist viel zu spät.Schon vorher hat sich der Qualm im Gebäude ausgebreitet.Außerdem werden in Berlin häufig unqualifizierte Arbeitskräfte eingesetzt, die die Vorschriften nicht kennen.Dies führt in vielen Fällen soweit, daß Sachverständige in Bauvorhaben die Abnahme verweigern. TAGESSPIEGEL: Ist der Einbau solcher Brandschutz-Vorkehrungen nicht mit hohen Kosten verbunden? STEINICKE: Natürlich kostet sinnvoller Brandschutz Geld.Aber die Vorkehrungen sind wie eine Lebensversicherung zu betrachten.Unter Umständen können die richtigen technischen Einrichtungen den schlimmsten Schaden vermeiden.Brände, besonders der Rauch, werden leider viel zu häufig unterschätzt.Die Schäden, die der Rauch anrichtet, erhöhen die Sanierungskosten um ein Vielfaches.Ein Beispiel: Ein Kaufhaus für Polstermöbel mit einem relativ geringen Brandschaden von 20 000 DM hat bei fehlender Entlüftung einen Rauchgasschaden von 2,5 Mill.DM.Die Möbel landen alle auf der Müllhalde.Allein die Sachschäden, die Brände in Deutschland jährlich anrichten, liegen an der Grenze zu 10 Mrd.DM.Wie oft stark qualmendes und hochbrennbares Material verwendet wird, bewies der Brand des Düsseldorfer Flughafens vor zwei Jahren.Das Feuer war so verheerend, weil brennbares Styropor zur Dämmung verwendet wurde.Brandschutz ist kein Luxus, sondern in erster Linie ein gesetzlicher Auftrag.Und den sollten die Leute ernst nehmen. TAGESSPIEGEL: Im Frühjahr dieses Jahres wird es eine neue Bauaufsichtliche Richtlinie geben.Wird sich durch sie etwas ändern? STEINICKE: Die aktuelle Bauaufsichtliche Richtlinie ist fehlerhaft und wird korrigiert.Sie wird neue Normen enthalten, die sich speziell mit dem Thema Entrauchung beschäftigen.In der Schweiz sind seit 1983 "Kontrollierte Brandabschnitte" sogar Gesetz.Das gibt es in Deutschland bis jetzt nicht.Hier gelten nur Richtlinien als Kann-Vorschriften.Ob sich der Bauherr daran hält, ist ihm überlassen.Der Gesetzgeber schreibt lediglich vor: "Menschen und Tiere müssen vor Feuer und Rauch geschützt werden." Das ist viel zu wenig.Es müssen genaue Angaben per Gesetz vorgeschrieben und kontrolliert werden.

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