Immobilien : Der gleiche See, die gleichen Löffel

In Brandenburg entstehen immer mehr Ferienhäuser. Viele Käufer verzichten auf Individualität und hoffen stattdessen auf Rendite

Christian Hunziker

Nein, an der Aussicht gibt es nichts zu meckern. Wenige Meter entfernt, nur durch einen Spazierweg von der Terrasse getrennt, erstreckt sich der Scharmützelsee. Derweil wartet im Inneren des im skandinavischen Holzbaustils gehaltenen Häuschens ein Kamin darauf, wohlige Wärme zu verbreiten. Einen Whirlpool gibt´s im Bad und sogar eine Sauna – schließlich kommen die Bauherren aus Dänemark.

Schlosspark Bad Saarow heißt die aus insgesamt 138 Reihenhäusern, Doppelhaushälften und Etagenwohnungen bestehende Anlage, die die Kristensen Group in den vergangenen Monaten am Ufer des Scharmützelsees, etwa 60 Kilometer östlich von Berlin, hochgezogen hat. Das Projekt steht beispielhaft für den Trend, im eigenen Land Urlaub zu machen – und zwar, wenn der Geldbeutel reicht, im eigenen Heim.

„Seit 2006 explodiert die Nachfrage nach komfortablen Ferienhäusern in Deutschland“, sagt Bernd Muckenschnabel, Deutschland-Chef des dänischen Ferienhausvermarkters Novasol. Die Ursache dafür liegt seiner Ansicht nach darin, dass die Menschen ihr Land von neuem entdecken: Junge Leute hätten zahlreiche Fernreisen unternommen und stellten jetzt fest, dass sie die ganze Welt kennen – nur eben ihre Heimat nicht.

Die Touristenzahlen des Landes Brandenburg stützen die These. 9,18 Millionen Übernachtungen zählten die Statistiker im Jahr 2007, vier Prozent mehr als im Vorjahr. „Brandenburg“, bestätigt die tourismuspolitischen Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Annette Faße, „hat sich sehr gut entwickelt und hat große touristische Chancen.“

Das sehen auch Investoren so, die Projekte wie den Schlosspark Bad Saarow oder den benachbarten Marinapark Scharmützelsee in Wendisch Rietz planen und errichten. Diese Anlagen haben nichts gemeinsam mit engen, muffigen Ferienwohnungen aus den sechziger oder siebziger Jahren. „Es ist wichtig, das Urlaubsfeeling in die Architektur zu transportieren“, sagt Gordon Gorski, Vertriebsleiter bei Kristensen. Deshalb verfügen die von seinem Unternehmen geplanten Häuser über einen großen Wohnbereich mit offener Küche, der über zwei Etagen reicht und von einer Galerie gekrönt wird. „Bewusste Platzverschwendung“ nennt Gorski das – allerdings sind im Gegenzug die Schlafzimmer recht spartanisch gehalten.

Gut 2 000 Euro pro Quadratmeter kosteten die (allesamt verkauften) insgesamt 220 Wohneinheiten im Schlosspark Bad Saarow und im Marinapark Scharmützelsee. Darin inbegriffen sind nicht nur Immobilie und Grundstück, sondern auch die Möbel und die komplette Ausstattung bis hin zum Besteck. Denn die Ferienanlagen der neuen Generation richten sich nicht in erster Linie an den Liebhaber des Scharmützelsees, der den ganzen Sommer und einen Großteil der Wochenenden in seinem Zweitdomizil verbringen will. Im Visier haben die Vermarkter vielmehr den kühl kalkulierenden Kapitalanleger, der höchstens einige Wochen im Jahr sein Häuschen selbst nutzt und ansonsten bestrebt ist, durch die Vermietung der Ferienimmobilie eine Rendite zu erzielen.

Bei einer Vermietungsdauer von 120 Tagen im Jahr, rechnet Sven R. Johns, Bundesgeschäftsführer des Maklerverbandes IVD, vor, sind die Kosten für Zins, Tilgung, Verwaltung und Instandhaltung bereits gedeckt. Miro Morczinek vom Internet-Ferienhausvermarkter Homeaway hält sogar eine jährliche Rendite von zehn Prozent für möglich.

Für Individualisten allerdings ist dieses Konzept nichts. Nicht nur, dass der Eigentümer, will er denn Mieteinnahmen haben, sein Schmuckstück in der schönen Jahreszeit gar nicht selbst nutzen kann: Auch auf eine persönliche Gestaltung des Ferienhauses muss er verzichten. Weil die Vermarktung nämlich in den Händen professioneller Vermietungspartner liegt, müssen die Häuschen alle gleich ausgestattet sein. Und auch die Pflege der Außenanlagen hat der Eigentümer einer professionellen Hausverwaltung zu überlassen. Das geht natürlich ins Geld: Allein die großen Vermietungsorganisationen beanspruchen rund ein Drittel der Miete für sich.

Trotzdem sind die Bauträger vom Erfolg ihres Konzeptes überzeugt. Als Beweis für die Attraktivität dieser Art Ferienhäuser führt die Kristensen Group an, dass die Durchschnittspreise bei ihren insgesamt sieben Projekten im Norden und Osten Deutschlands seit 2004 um etwa 15 Prozent gestiegen sind. Eine weitere Preissteigerung sei wahrscheinlich, da es an den traditionell besonders begehrten Lagen direkt an der Ostsee kaum mehr freie Grundstücke gebe.

Folgerichtig sind in Brandenburg weitere Ferienparks in Planung. Anfang 2009 will die Kristensen Group mit dem Bau des Marina-Resorts Schorfheide am Werbellinsee beginnen. Noch ganz andere Dimensionen schweben der ebenfalls aus Dänemark stammenden Eske Group vor: Sie will bis 2015 neben dem Freizeitpark Tropical Islands 2 000 frei stehende Ferienhäuser errichten. Ein weiteres Resort mit 600 Häusern plant das Unternehmen in Zehdenick, außerdem ein drittes mit 400 Häusern im neu entstehenden Lausitzer Seenland. Darauf hat auch die Kristensen Group ein Auge geworfen – sehr zur Freude von Dieter Hütte, dem Geschäftsführer der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH: „An den Tagebau-Seen“, sagt er, „werden Sie künftig Top-Strandlagen haben.“

Allerdings gäbe es da ja noch eine andere Möglichkeit, die außerdem etwas weniger uniform daherkäme: Vielleicht könnte man ja angesichts der Verödung mancher brandenburgischer Landstriche real existierende, von ihren Bewohnern verlassene märkische Dörfer zu schmucken Ferienresorts umfunktionieren?

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