Immobilien : Die Sucht nach der Bucht

Hunderte haben in Rummelsburg gebaut und gekauft – für Passanten steckt das junge Wohngebiet am Wasser voller Anregungen

Kerstin Heidecke

Nirgendwo in Berlin haben sich so viele Menschen in den letzten Jahren den Traum vom Eigenheim erfüllt wie in der Rummelsburger Bucht. Künftige Bauherren, die sehen wollen, was gerade „in“ ist, finden dort so etwas wie eine kleine Bauausstellung mit unterschiedlichsten Massivhäusern. Vom Townhouse mit Garten über das lichtdurchflutete Artists Village bis zur Etagenwohnung im sanierten Klinkerbau reicht die Palette – und wer es historisch mag, bewohnt die Gebäude einer ehemaligen Haftanstalt oder eines früheren Kinderheims.

Längst ist das jüngste Entwicklungsgebiet Berlins kein Geheimtipp mehr. Das zeigen nicht zuletzt die Scharen von Spaziergängern, die sich besonders am Wochenende am Rummelsburger Ufer entlangschieben. Renommierte Architekten haben sich auf dem Gelände an der Hauptstraße ausgetobt. Nicht ohne Folgen. Bei der Vergabe des deutschen Städtebaupreises 2008 gab es eine Belobigung für die Rummelsburger Bucht – zum einen für den Entwicklungsträger des Landes (die Wasserstadt GmbH, derzeit in Liquidation) sowie für den Verfasser des Masterplans, Klaus-Theo Brenner. Zum anderen durften die Architekten Katrin Schubert und Matthias Beyer eine Urkunde für ihre Rummelsburger Entwürfe mit nach Hause nehmen.

Besonders die beiden letzten Bauabschnitte „Rummelsburg 2“ und „Berlin Campus“ fanden den Beifall der Jury. Ins Auge stachen den Experten der Deutschen Akademie für Städtebau und der Wüstenrot-Stiftung besonders die schwarz-weißen Atelierhäuser mit den hohen Räumen und die Backstein-Giebelhäuser mit den Dachterrassen. „Klare städtebauliche Struktur, ein stimmiger Gestaltungskanon und großzügige öffentliche Grünflächen“, so lautete das Fazit der Experten.

Ein Glücksfall sei Rummelsburg, findet auch Petra Nickel aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung – „wegen der gelungenen Architektursprache und der tollen Lage am See. Dabei war der Start nicht gerade ermutigend“ Nickel weiß, wovon sie redet. Seit Beginn der Neunziger habe man mit gewaltigen Problemen gekämpft; mit unklaren Eigentumsverhältnissen, offenen Restitutionsverfahren, Altlasten und komplizierten Grundstückszuschnitten. Auch baulich hätte es schiefgehen können. „Ich denke nur an die Wasserstadt Oberhavel. Dort wurde viel massiger und wenig attraktiv gebaut, weil wir damals mit mehr Bevölkerungswachstum rechneten.“ Heute bekommt Petra Nickel Mails aus vielen Ländern, besonders von Studenten aus Italien und Frankreich, die mehr über Rummelsburg wissen wollen.

Auch Ottfried Franke war vergangene Woche auf Tour mit neugierigen Architekten, diesmal aus Finnland. Der Sprecher der Interessengemeinschaft der Eigentümer vertritt die Großinvestoren, darunter Brau und Brunnen, die Grundbesitzgesellschaft Ziel und die Alt-Stralau Projektentwicklungsgesellschaft. Kiezbeirat, Bürgerforum und Nachbarschaftsprojekte sitzen mit am Tisch. Einig sind sich alle über die Pluspunkte des Gebietes; die Architektur-Vielfalt, den alten Baumbestand, den kilometerlangen renaturierten Ufergürtel mit den üppigen Schilfpflanzen – alles viel spannender als ein Fertig-Reihenhaus auf der grünen Wiese, sagt Franke.

Rundum zufrieden sind die Eigentümer und Bewohner aber noch nicht. Zum einen hapert es immer noch mit der Infrastruktur. Nur ein Discounter hat sich bisher angesiedelt, zudem einige kleine Läden und Dienstleister. Zum anderen ist der Weg zur Halbinsel Stralau und zum Rummelsburger Ufer meist eine Quälerei, findet Franke: „Wenn man von der Stralauer Allee kommt, muss man durch das Nadelöhr der Bahnüberführung. Und vom Ostkreuz aus ist es auch nicht besser.“ Dort, am Bahnhof, ist mit der laufenden Sanierung zumindest Land in Sicht. Beim Quartier Mole, nahe dem Paul-und- Paula-Ufer gelegen, tut sich dagegen wenig. Das Verbindungsstück zwischen Stralau und Rummelsburg ist immer noch Brache. Der Liegenschaftsfonds muss für die letzten Flächen noch Käufer finden. Als schwierigste Lage gelten die Campus-Grundstücke an der Hauptstraße, wo man so ganz ohne Wasserblick auskommen muss.

Johannes Friedemann kann zumindest von seiner Terrasse im Dachgeschoss auf den See blicken, wenn alles gut gehen sollte und er in einigen Wochen einziehen kann. Der rüstige Bauherr hat sein massives Giebelhaus – wie viele in der Rummelsburger Bucht – mit einer Baugruppe realisiert. Vorteil: Er bekommt ein modernes Architektenhaus mit überschaubaren Kosten. Und bis zuletzt kann der Bauherr noch am Grundriss tüfteln. Friedemann hat seine Charlottenburger Mietwohnung schon gekündigt. Im April will er in den Lichtenberger Ortsteil umziehen. Ihm gefällt die Wasserlage, und trotzdem sei er „schnell in der City“. Er setzt darauf, dass sich das Drumherum noch entwickeln wird: „Charlottenburg wird das zwar nie. Aber das Areal an sich ist perfekt.“

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