Immobilien : Die zweite Miete klettert auf Rekordhöhe

Die meisten Nutzer von Wohnungen in Berlin müssen in diesen Tagen Betriebskosten nachzahlen: Die Preise für Wärme, Wasser, Strom und Müllabfuhr steigen immer weiter. Und schon jetzt steht fest: Auch nächstes Jahr wird eine Nachzahlung fällig

Ralf Schönball

Eine bittere Pille müssen in diesen Tagen viele Nutzer und Eigentümer von Wohnungen schlucken: Die jährliche Abrechnung der Nebenkosten führt in vielen Fällen zu einer einmaligen Nachzahlung von mehreren hundert Euro sowie zu dauerhaft höheren monatlichen Abschlagzahlungen für die neue Betriebskostenpauschale. Schuld daran sind die privatisierten Versorger: denn Strom sowie Wasser werden immer teurer – und auch die Wärmeenergie. Doch auch die öffentlichen Versorger langen zu: Die Gebühren für Müllabfuhr steigen ebenfalls.

Die Folgen sind für Mieter und Eigentümer im gleichen Maße unerfreulich. Weil die „zweite Miete“ für die Versorgung der Wohnungen immer schneller steigt, können Hauseigentümer die Grundmiete nur noch selten erhöhen. Dafür gibt es in Berlin auch deshalb keinen Spielraum, weil viele Wohnungen leer stehen und dies zusätzlich auf die Mietpreise drückt. Und auch für die Mieter sind die Nachzahlungen unerfreulich: Die wenigsten haben diese außerordentliche Zahlung in ihr Budget eingeplant. Und mancher dürfte wegen der höheren monatlichen Belastung über einen Umzug nachdenken. Denn schon heute steht fest: In den kommenden Jahren werden erneut Nachzahlungen fällig.

Beispiel Gas. In dieser Woche hat der Chef der Gasag in dieser Zeitung angekündigt, dass eine weitere Preiserhöhung fällig wird, wenn der Ölpreis nicht fällt. Dabei hatte die Gasag erst im Dezember ihren Kunden mitgeteilt, dass sie ihre Preise anhebt. Dies begründete der Versorger mit höheren Energiekosten. Hintergrund: Der Gaspreis ist an den Ölpreis gekoppelt und steigt deshalb wie dieser mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung. Der Ölpreis befindet sich derzeit in der Nähe eines Rekordhochs. Mit einer nachhaltigen Korrektur nach unten rechnen die Experten nicht.

Doch wie sich der Ölpreis in Zukunft auch entwickeln mag, für die Abrechnung der Nebenkosten für das Jahr 2004 sowie für das Jahr 2005 wird dies keine Rolle mehr spielen: Haushalte, deren Wärme in Ölkesseln erzeugt wurde, werden den Preisanstieg also mit hohen Nachforderungen in diesem (Abrechnung 2004) und im kommenden Jahr (Abrechnung 2005) bezahlen müssen.

„In diesem Jahr werden die Nachforderungen für eine etwa 70 Quadratmeter große Wohnung bei rund 200 bis 250 Euro liegen“, sagt Hartmann Vetter, Chef des Berliner Mietervereins. Neben dem höheren Ölpreis werden die Haushalte auch für Wasser und Abwasser 15 Prozent mehr bezahlen müssen. Vetter zufolge steigt die Bruttomiete einer Durchschnittswohnung dadurch um etwa 20 Euro pro Monat.

Bei der Abrechnung des Jahres 2005 werden dann nicht nur die weiter gestiegenen Öl- und Gaspreise auf den Mieter durchschlagen, sondern auch eine zusätzliche Anhebung der Wasserpreise um 5,4 Prozent (seit Januar in Kraft) sowie die höheren Gebühren für die Müllabfuhr (plus 14,4 Prozent).

Auf Nachzahlungen müssen sich Wohnungsnutzer nicht nur bei den Nebenkosten, sondern auch bei den Stromrechnungen einstellen. Nach Angaben des Bundes der Energieverbraucher ist der Strom in Deutschland zum Jahresanfang bundesweit teurer geworden. Der Aufschlag betrage in Einzelfällen bis zu acht Prozent. Besonders tief in die Tasche müssten Stromverbraucher in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Sachsen greifen. Die Tarife des Berliner Versorgers Bewag seien zwischen 2000 und 2005 um über 20 Prozent gestiegen. In diesem Jahr habe der Anstieg knapp fünf Prozent betragen.

Der rasante Anstieg der zweiten Miete übertrifft nach Angaben des Instituts für Städtebau, Wohnungswirtschaft und Bausparwesen die allgemeine Teuerungsrate. Im bundesweiten Durchschnitt seien die Wohnnebenkosten im Jahr 2004 um 2,2 Prozent gestiegen, die allgemeine Inflationsrate dagegen lediglich um 1,5 Prozent. Bereits im Jahr zuvor waren die Wohnnebenkosten (plus 1,6 Prozent) schneller als die Lebenshaltungskosten (plus 1,1 Prozent) gestiegen.

Die Preistreiber im Jahr 2004 seien mit deutlichem Abstand das Heizöl (plus 11,9 Prozent) sowie der Strom (plus vier Prozent) gewesen. Die Gaspreise würden zwar erst später als der Ölpreis steigen, dafür seien sie jedoch im Vergleich der letzten fünf Jahre um 21,4 Prozent geklettert – und damit sogar noch deutlich schneller als der rapide gestiegene Strompreis (plus 18,7 Prozent).

Gegen den Preisanstieg auf breiter Front formiert sich Widerstand. Der Bund der Energieverbraucher hatte aufgrund der angeblich überhöhten Strom- und Gaspreise zum Boykott von Rechnungen aufgerufen – weil sie die drastischen Erhöhungen für ungerechtfertigt erachten. Und der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen hat Einsicht in die Tarifkalkulation der Wasserbetriebe beantragt. Man vermutet, dass im Zuge der Privatisierung des früheren Landesunternehmens Fehler gemacht worden sein könnten. Wasser ist nach der Wärme der zweitgrößte Posten in der Betriebskostenabrechnung.

Nach Angaben des Vereins „Wohnen im Eigentum“ zählen die Nebenkosten in Berlin zu den höchsten Deutschlands. Neben den steigenden Tarifen seien oft auch Fehler bei der Abrechnung der Gebühren zu beklagen. Besonders sensible Posten seien die Kosten für Hausmeister, Hausreinigung und Gartenpflege, für die Aufzugswartung sowie für Reparaturen, Instandhaltungen und Sanierungsmaßnahmen. „Hier gibt es teilweise eklatante Ausreißer von den Durchschnittspreisen“ sagt der beim Verein für die Kontrolle von Nebenkosten zuständige Mitarbeiter Norbert Deul.

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