Digitalisierung kommt auf den Bau : Das Haus aus der Fabrik

Modulare Bauten sind schnell errichtet, energieeffizient und jetzt auch individuell. Bauweise mit Holzständern oder Metallrahmen erlaubt trotz hoher Vorfertigung eine Anpassung an Kundenwünsche.

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Ein Musterhaus aus der Fabrik steht in Krasnogorsk bei Moskau, wo Knauf ein Werk hat.
Ein Musterhaus aus der Fabrik steht in Krasnogorsk bei Moskau, wo Knauf ein Werk hat.Abbildung: Knauf Gruppe

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“, schrieb einst Friedrich Hölderlin. Poetisch ist das Geschehen auf dem Bau eher nicht. Probleme werden schon mal mit der Dachlatte gelöst, wie einst der hessische Ministerpräsident Holger Börner (SPD) sagte.

Grundsätzlich aber ist der Klimawandel eine echte Bedrohung und die Bauwirtschaft kann erheblich zu seiner Lösung beitragen. Schließlich sind Gebäude in unseren Breitengraden für ein Drittel aller Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Gleichzeitig werden in Deutschland sehr viel mehr neue Wohnungen gebraucht. Schnell und energieeffizient zu bauen ist das Gebot der Stunde.

Dazu kann eine Entwicklung beitragen, die auf dem Bau bisher nur ganz am Rande eine Rolle spielte: die Digitalisierung. „Andere Industrien sind da deutlich weiter“, sagt Manfred Grundke, Geschäftsführender Gesellschafter der Firma Knauf. Das Unternehmen ist mit Gipsprodukten groß geworden, jetzt will es das modulare Bauen anpacken.

Das Thema an sich hat keinen so guten Ruf, mit schöner Wohnen verbindet man etwas anderes. Doch Manfred Grundke hat zusammen mit einem Beratungsunternehmen für Produktionslogistik ein Konzept entwickelt, in dem Modulbauten sowohl industriell vorgefertigt als auch individuell sein können.

Herzstück ist ein Konfigurator, der demnächst im Internet verfügbar sein soll. Damit können Häuslebauer die Module nach eigenen Wünschen anpassen. Gebaut werden die Elemente mit einem Gerüst aus Stahlblechpfeilern. Die lassen sich mit einer Stanztechnik wie im Automobilbau ohne Schweißen verbinden – auch das spart Zeit, erklärt Grundke. Toyota habe das Prinzip bereits mit einer Hausfabrik in Japan durchgespielt. Das Konzept des Konfigurators stamme aus den USA. Beides will Knauf nun verbinden.

Weg von der Manufaktur, hin zur Massenfertigung

Beplankt werden die Häuser mit Gipsplatten. Das Interesse von Knauf liegt also darin, seine Produkte unterzubringen. Die Hausfabriken sollen andere betreiben. Grundke ist dazu gerade in Verhandlungen mit möglichen Partnern.

„Der Witz bei der Sache ist, dass man hier eine Economy of Scale hat: gleiche Teile in großen Stückzahlen“, sagt er. Millimetergenau in der Fabrik gefertigt und auf der Baustelle montiert, könne auch die Art der Dämmung und das Maß der Energieeffizienz „absolut flexibel“ angepasst werden. „Die Großserienfertigung mit der Individualisierung zu verbinden ist der Kick. Sonst können Sie die ganze Sache vergessen“, sagt Grundke.

Knauf stehe nun „Gewehr bei Fuß“, das Konzept in die Praxis umzusetzen. Beispielhäuser in Russland und der Schweiz gibt es schon. Die dort erreichten 70 Prozent Kostenersparnis gegenüber einem konventionellen Massivbau glaubt Manfred Grundke in Deutschland nicht verwirklichen zu können. 30 Prozent werden es aber in jedem Fall sein, ist er sicher.

Weg von der Manufaktur, hin zur Massenfertigung wollen auch die Holzbauer. Ihr Werkstoff hat im Klimawandel noch den Vorteil, dauerhaft Kohlendioxid binden zu können.

„Ein hoher Vorfertigungsgrad ist hier schon heute üblich“, sagt Denny Ohnesorge vom Deutschen Holzwirtschaftsrat (DHWR), der Dachorganisation der Holzbauer. Fertighäuser sind heute im Gegensatz zu früher aber in der Ausstattung sehr individuell anpassbar. Damit ist die Branche erfolgreich gegen das Billig-Image aus den 70er Jahren angegangen. Gerade deswegen hat sie das Thema Modulbauten bisher nur mit spitzen Fingern angefasst, berichtet ein Insider.

"Wir brauchen keine Absenkung der Energiestandards"

Inzwischen sind jedoch auch die Holzbauer dabei, modulare Zellen für Studentenwohnheime oder Kitas zu entwickeln, sagt Denny Ohnesorge. Um den Bedarf an Flüchtlingsunterkünften zu befriedigen, hat sein Verband eine Website aufgebaut, auf der man Beispiele für modulare Holzbauten anschauen kann.

Erobern möchten die Holzbauer vor allem den mehrgeschossigen Wohnungsbau. „Hier liegt Deutschland weltweit weit abgeschlagen – aus historischen Gründen. Im Zweiten Weltkrieg sind viele Städte abgebrannt“, sagt der Experte.

Inzwischen aber gibt es Konzepte, mehrgeschossige Holzbauten in Einklang mit der Bauordnung und ihren Feuerwiderstandsklassen zu bringen. Etwa indem die Balken mit Gipskarton ummantelt werden. Berlin kann für sich in Anspruch nehmen, hier Vorreiter zu sein. Namentlich das Büro Kaden + Lager hat in der Hauptstadt Häuser mit bis zu sieben Geschossen aus Holz gebaut.

Nicht verstecken müssen sich die Holzbauer, was die Energieeffizienz angeht, sagt Denny Ohnesorge. „Wir brauchen keine Absenkung der Energiestandards“, sagt er. In die vorgefertigten Wände der Holzbauten könne eine Dämmung in jeder Stärke eingefügt werden.

Ein Aussetzen des nächsten Schritts der Energieeinsparverordnung war zuletzt von einem breiten Bündnis der Bauwirtschaft gefordert, von den Bauministern der Länder und des Bundes aber verworfen worden. Für Flüchtlingsbauten werden allerdings Ausnahmen gemacht. Sie sind bis Ende 2018 von vielen Anforderungen der Energieeinsparverordnung befreit.

Musterbauten für Flüchtlinge in Holzbauweise zeigt das Infoportal des DHWR.

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